Nach stundenlangem Reisen kamen Padma und ich endlich in einer staubigen Leprakolonie an. Sobald Padma erkannt wurde, fingen die Leute an zu rufen: „Padma ist da! Padma ist da!” Jeder Einwohner der Kolonie kam angerannt, um Padma zu begrüßen. Und alle sprachen gleichzeitig!

Plötzlich hörte ich von irgendwoher einen Mann rufen: „Padma, ich habe ein Geschenk für dich!” Es wurde still und die Menge machte Platz. Ich konnte einen entstellten, leprakranken Mann sehen. Er hielt eine Hand hinter dem Rücken und grinste breit. Padma sah überrascht aus. Er kam ihr entgegen und lächelte, während ihm Tränen über das Gesicht liefen. Hinter seinem Rücken hatte er einen dreibeinigen Hocker, den er ihr übergab. Auch Padma war gerührt. Die Einwohner der Kolonie fingen an zu jubeln und in die Hände zu klatschen. Ich verstand nichts. Was ging da vor sich? Begeistert berichtete die Gruppe Padma, dass der Mann ein Mikro-Darlehen bei der Frauen-Selbsthilfegruppe aufgenommen hatte und Schreiner geworden war – ein so guter, dass an jenem Tag sogar ein Mann aus einer anderen Stadt angereist war, um bei ihm ein Bett zu bestellen. Stellt euch das einmal vor – jemand, der nicht an Lepra litt, bat einen Leprakranken darum, ihm ein Bett zu schreinern! Für die Einwohner der Leprakolonie war das ein Wunder.

Um verstehen zu können, warum das so eine große Sache war, muss ich berichten, wie es dazu kam, dass ich an jenem Tag mit Padma in dieser Kolonie stand.

Als wir das erste Mal nach Indien kamen, um Leprakranken zu helfen, wussten wir nicht, wo wir beginnen sollten. Wir dachten, es wäre ein guter Anfang, Reis und Bohnen zu den Kolonien zu bringen. Die leprakranken Bettler auf der Straße waren eindeutig unterernährt, oft bis zu einem Grade, dass sie an der Schwelle des Todes standen. Daher erschien es sinnvoll, ihnen Essen zu geben.

Indien Leprakolonie das beste Geschenk

Bei jedem unserer Besuche freuten sie sich sehr über die Nahrungsmittel, aber wir verstanden schnell, dass wenn wir ihnen an einem Tag Essen brachten, wir das auch am nächsten Tag tun mussten. Und wir verfügten nur über begrenzte Mittel.

Wir hatten das Gefühl, dass etwas geschehen musste, damit sie sich selbst versorgen konnten. Aber was? Es gab so viele scheinbar unüberwindbare Herausforderungen! Alles, was irgendwie vermarktet werden könnte, schien weit hergeholt. Die Füße der meisten waren von der Krankheit betroffen: Ihnen fehlten Zehen, Teile von oder gar ganze Füße. Zu laufen war für viele unmöglich oder zumindest sehr schmerzhaft. Wie hätten sie reisen sollen, um benötigte Materialien zu beschaffen?

Auch die Hände waren betroffen. Viele hatten nur einen oder zwei Finger, oder überhaupt keine. Manchen fehlte die ganze Hand. Wie sollte so jemand etwas herstellen?

Und selbst wenn sie etwas fanden, was sie herstellen oder kochen und verkaufen konnten – die Krankheit wurde als Fluch Gottes angesehen und selbst eine Berührung war beschmutzend. Würde jemand von so jemandem etwas kaufen?

Jedes Mal, wenn wir eine Idee hatten, wie diese Menschen ihr eigenes Geld verdienen könnten, bekamen wir nur entmutigende Antworten. Sie sagten uns, dass sie nichts tun könnten, und selbst wenn, wäre es nur Zeitverschwendung, weil niemand etwas von ihnen kaufen würde. Wir schienen in einer Sackgasse angelangt. Weil ich keine Antworten wusste, betete ich.

Gebet für den Dienst am Nächsten

Dann passierte etwas Bemerkenswertes. Einer unserer zwei freiwilligen Mitarbeiter bemerkte bei seiner Reis- und Bohnen-Anlieferung eine gesunde Frau unter den Frauen der Kolonie. Die Frauen schienen fasziniert davon zu sein, was sie sagte. Die beiden fanden heraus, dass die Frau über kleine Darlehen sprach, mit deren Hilfe die Frauen ihre eigenen Geschäfte gründen könnten.

Erstaunlicherweise hörten die Patienten zu und waren interessiert. Unsere freiwilligen Mitarbeiter besorgten sich Name und Telefonnummer der Frau. Ihr Name war Padma Venkataraman. Sie vereinbarten noch am gleichen Abend einen Termin. Sie erfuhren, dass die Frau bereits seit Jahren mit verschiedenen Leprakolonien zusammenarbeitete, um ihnen zu helfen, unabhängig zu werden. Es gab hunderte kleine Unternehmen. Unsere Mitarbeiter waren begeistert. Sie gaben Padma meinen Namen und baten sie, mich zu kontaktieren.  

Und diesen Anruf werde ich niemals vergessen. Ich saß gerade in meinem Schlafzimmer in Norcross, Georgia. Die Person am Telefon stellte sich als Padma vor und schlug eine Zusammenarbeit vor. Ich hatte sofort Bedenken. Wir hatten schon oft eine „Partnerschaft” vorgeschlagen bekommen – die meisten wollten dabei aber nur Geld; daher war ich besonders vorsichtig geworden.

Ich wusste zu diesem Zeitpunkt nicht, dass ich mit der Tochter des ehemaligen Präsidenten Ramaswamy Venkataraman sprach. Ich erfuhr später, dass Padma seit zwanzig Jahren mit der UNO zusammenarbeitete und jahrelang in der Organisation als Präsidentin für Frauenangelegenheiten tätig gewesen war.

Als ich mein Gebet sprach und um Führung bat, hatte ich keine Ahnung, dass Gott mir jemanden wie Padma senden würde. Welch großartige Erinnerung an die Schriftstelle, in der es heißt, dass wir nur bitten müssen.

Um es abzukürzen: Padma wurde unser Partner und ist Aufsichtsratsvorsitzende für uns in Indien.

Ich konnte es kaum abwarten, sie bei meiner nächsten Reise nach Indien zu begleiten und zu sehen, wie sie arbeitete. Ihre Mikro-Darlehen gab es in 10 Kolonien in Tamilnadu. Ich begleitete sie, um die Menschen in den Kolonien kennenzulernen und um mehr über ihr Programm zu erfahren. Und so kam es, dass ich an jenem Tag mit Padma unterwegs war. Auf unserem Rückweg fragte ich Padma, was es mit dem Hocker auf sich gehabt hatte. Sie erklärte: „Becky, als ich vor fünf Jahren zum ersten Mal in die Lepra-Kolonie kam, rief ich alle zusammen, um meine Idee vorzustellen, wie sie unabhängig werden könnten. Sie saßen auf der Erde und hörten zu, als dieser Mann (der mit dem Stuhl) mich unterbrach und fragte: ‚Hast du Reis für uns dabei?’ Ich erklärte, dass ich keinen Reis, sondern eine Idee dabei hätte, die ihnen ermöglichen würde, ihren eigenen Reis zu kaufen. Er sagte verächtlich: ‚Wenn du Lepra Hilfe Indienschon keinen Reis hast, was für Geschenke hast du dabei?’ Ich erklärte, dass ich nur eine Idee hätte. Er stand sofort auf, biss die Zähne zusammen und sagte: ‚Wenn du kein Geschenk dabei hast, interessiert mich das nicht.’” Er begann, sich zu entfernen. Padma rief ihm hinterher: „Warte! Wenn du zuhörst, bringe ich dir etwas bei, damit du MIR eines Tages ein Geschenk machen kannst.” Er spuckte auf den Boden und ging weiter. Mit ihm gingen alle Einwohner der Kolonie. Nur fünf Frauen blieben mit Padma zurück.

Aber Padma ließ sich nicht abschrecken. Sie brachte ihnen bei, wie sie das erbettelte Geld zusammenlegen und sich gegenseitig Geld leihen konnten. Sie nannten die Gruppe „Selbsthilfegruppe der Frauen”. Eine Frau nach der anderen gründete eine kleine Firma und sie wurden schnell zu den reichsten Bewohnern der Kolonie. Statt als Bettler $15 pro Monat zu verdienen, verdienten sie mit ihren kleinen Geschäften schnell bis zu $100 pro Monat.

Ein Einwohner nach dem anderen trat schließlich der Gruppe bei und baute ein eigenes Geschäft auf. Die Kolonie begann zu gedeihen. Padma berichtete mir, dass der Mann der letzte gewesen war. Und was sie ihm damals gesagt hatte, war wahr geworden: Er hatte ein Geschenk für SIE. Und er war stolz und glücklich.

Wenn wir versuchen, anderen zu helfen, machen wir oft den Fehler zu denken, dass wir ihnen etwas geben müssen. In Wahrheit ist es aber so, dass das beste Geschenk die Fähigkeit ist, sich selbst zu helfen.

Wir sollten unsere Sichtweise von Wohltätigkeitsarbeit überdenken. Hätte Padma diesem Mann Reis gegeben, hätte er ihn aufgegessen und er wäre weg gewesen. Indem sie ihm die Gelegenheit gab, sich zu entwickeln, ermöglichte sie ihm, sich ein Leben lang zu ernähren. Die Bewohner der Kolonie hatten so die Möglichkeit, Kontakt zu Menschen außerhalb der Kolonie zu bekommen. Es war ein Schritt in die Richtung, eines Tages das Stigma, das auf  ihrem Leben lag, loszuwerden.

Wenn ich heutzutage versuche jemandem zu helfen, denke ich nicht mehr: „Was kann ich ihm geben?”, sondern: „Wie kann ich dieser Person helfen, das Problem selbst zu lösen?”

Diese Herangehensweise bietet wahre Heilung. Es funktioniert fast immer: beim Besuchslehren, in der Arbeit mit Obdachlosen, wenn ich einem Nachbarn helfe, selbst wenn ich meinen eigenen Kindern helfe, wenn sie Probleme haben. Es erfordert ein Umdenken, aber was dabei herauskommt, ist die Anstrengung wert.


Becky Douglas

Becky Douglas ist die Gründerin der Rising-Star-Stiftung. Mehr Informationen zur Organisation findet ihr (auf Englisch) hier.

Der Beitrag wurde aus dem Englischen übersetzt und teilweise gekürzt. Er wurde ursprünglich am 10.12.17  auf ldsmag.com unter dem Titel „The Best Thing We Can Give Might Not Be a Present” veröffentlicht. Die Autorin ist Becky Douglas. Übersetzt von Kristina Vogt.

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