Das ist eine Aussage, die ich niemals vergessen werde; ein Kollege sagte das einmal zu mir, nachdem wir wochenlang zum Zeitvertreib über Religion diskutiert hatten. Ich weiß, dass Gespräche über Religion am Arbeitsplatz riskant sein können, aber mein Freund stellte mir viele Fragen und so erzählte ich ihm gerne darüber, was ich als Mitglied der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage glaube. Es schien gut zu laufen und ich arbeitete daran, den Mut aufzubringen ihn zu fragen, ob er sich mit den Missionaren treffen wolle.

Dann, eines Tages, lehnte er sich zu mir herüber, legte eine Hand auf meine Schulter und sagte mit einem Stirnrunzeln: „Lass aber bloß nicht zu, dass die Religion dein Leben übernimmt, okay?”

Er erklärte mir dann, dass auch er in einem sehr strengen christlichen Haushalt groß geworden sei. Jede Woche sei er zum Gottesdienst gegangen und zum Bibellager und habe während seiner Schulzeit keine Partys besucht. Kurz nach seinem Abschluss aber habe er in einer Nacht alles über den Haufen geworfen. Er habe alles verworfen, woran er geglaubt habe, und nie zurückgeschaut. Anfangs habe er ein unheimlich schlechtes Gewissen gehabt, aber das habe mit der Zeit nachgelassen. Jetzt habe er das Gefühl, sein Leben wirklich zu leben.

Ist die Kirche wirklich wahr?

Ich war verwirrt. Und ich war jung und verwirrt. Es fiel mir schwer zu verstehen, wie Leute, die in einem religiösen Umfeld wie meinem aufgewachsen waren, einfach so alles, was sie gelernt hatten, verwerfen konnten.

Mit den Jahren konnte ich aber ein Muster erkennen, das ich vorher nicht gesehen hatte. Damals konnte ich das meinem Kollegen nicht erklären, aber was er tat und sagte, ergab für mich keinen Sinn, weil wenn man wirklich, tief in sich drinnen, an etwas glaubt, gibt es kein anderes „Leben”, das die Religion übernehmen kann.

Dieser Prozess nennt sich Bekehrung. Bei diesem Prozess wird uns ein „neues Herz geschenkt” (Ezechiel 36:26), wodurch die Kleinigkeiten, die wir jeden Tag tun, um Christus zu folgen, sich wandeln und was wir anfangs „einfach nur tun”, wird schließlich zur Definition dessen, wer wir sind. Diejenigen, die diese Verwandlung erlebt haben, unterscheiden nicht zwischen ihrem „religiösen” und ihrem „echten” Leben. Religion ist kein Anhängsel eines sonst säkularen Lebens, kein Accessoire, kein Hobby, dem man sich widmet, wenn es einem gerade passt. Auch ist sie keine Gelegenheit, unter Leute zu kommen oder eine Pflicht, die man erfüllen muss, weil man sich den frommeren Familienmitgliedern verpflichtet fühlt.

Der Wunsch zu glauben, kann viel bewirken.

Als Missionarin in New Jersey erlebte ich immer wieder zwei typische Antworten, wenn wir bei Menschen an die Tür klopften: „Geht weg, ich bin Jude!” und „Geht weg, ich bin katholisch!” Genauso oft erklärte uns aber auch jemand: „Aber ich esse Schweinefleisch” oder „Aber ich besuche keinen Gottesdienst”. Diese Menschen sahen ihre Religion eher als Merkmal ihres Erbes oder ihrer Kultur, als etwas, das wirklich bestimmte, wie sie lebten.

Dieser Denkweise begegnete ich im Laufe der Jahre immer wieder. Mir ist es besonders dann aufgefallen, wenn ich mit jemandem, der anderer Meinung war als ich, über politische Themen sprach. Sobald mein Standpunkt etwas mit Moral oder traditionellen christlichen Werten zu tun hat, fragen mich die Leute sofort danach, ob ich religiös bin und verwenden meine ehrlichen Antworten gegen mich – als ob meine Religion wie Scheuklappen wäre, die verhindern, dass ich die Welt klar sehen kann, und sie mir einen Gefallen täten, indem sie sie mir von den Augen nehmen würden.

Ironischerweise sehen wir nie klarer, als wenn wir etwas im Licht des Evangeliums betrachten. Im Buch Mormon wird erklärt, dass der Heilige Geist uns die Wahrheit von allem erkennen lassen wird (Moroni 10:4). Ich denke, das bedeutet, dass er uns bei der richtigen Anwendung von Wirtschaftswissenschaft genauso helfen kann wie bei der richtigen Anwendung von Evangeliumsprinzipien. Schließlich gibt es nichts, was Gott nicht weiß – und keine Weisheit, die er uns nicht geben wird (Jakobus 1:5), wenn wir bereit sind, sie zu empfangen.

Die Hand Gottes ist da.

Außerdem zeigt das Argument, dass Moral und traditionelle religiöse Werte in progressiven Gesellschaften das Streben nach Gleichheit und Glücklichsein hemmen würden, ein grundlegendes Missverständnis der Rolle Gottes in unserem Leben.

Für jemanden, der an Gott glaubt, wäre das ein Argument, das man nur dann haben kann, wenn man Gott als Diktator ansieht, der uns zur eigenen Befriedigung willkürliche Regeln auferlegt – und er wäre nicht der liebende, lenkende Vater, der er ist.

Wenn man sich daran hält, ist ein Leben im Einklang mit Gottes Geboten der beste und sicherste Weg zu wahrer Freude im Leben.

Mein Kollege zeigte das an einem einfachen Beispiel. Er behauptete, dass er dadurch, dass er sich von Religion abwandte, frei und glücklich wurde; er gab aber auch zu, einiges, was er tief bedauerte, mit sich herumzutragen. Er erzählte mir von leichtsinnigen Entscheidungen, die er unter dem Einfluss von Alkohol getroffen hatte, beschwerte sich über seine Gesundheit, die wegen seiner Angewohnheit zu rauchen, die er einfach nicht ablegen konnte, schlecht war – beides waren Konsequenzen davon, dass er den religiösen Lehren aus seiner Jugendzeit keine Beachtung mehr schenkte.

Wenn wir an unsere Grenzen kommen, dann legen wir eine Pause ein, anstatt unsere Psyche zu zerbrechen.

In einer Welt, in der die Gesellschaft solche Werte in halsbrecherischer Geschwindigkeit über Bord wirft, brauchen wir mehr denn je den Einfluss von Religion in unserem Leben. Wenn wir moralische Werte außen vor lassen, entfernen wir uns von Frieden und Harmonie. Tatsächlich entstehen sogar mehr Konflikte, wenn es keine höhere Autorität mehr gibt, zu der die Menschen um einen vereinenden Moralkodex aufschauen können; sie bleiben zurück und zanken sich, verkünden ihre individuellen, relativen Wahrheiten als „am richtigsten”. „Im Gegensatz dazu ist der ‚Fels unseres Erlösers’ eine feste, beständige Grundlage der Gerechtigkeit und Tugend. Wie viel besser ist es doch, wenn man das unwandelbare Gesetz Gottes hat, durch das man sein Schicksal selbst in der Hand hält, als wenn man in den sozialen Medien den unberechenbaren Regeln und dem Zorn der Massen ausgeliefert ist. Wie viel besser ist es doch, die Wahrheit zu kennen, als ‚hin und her getrieben [zu werden] von jedem Widerstreit der Meinungen’. Wie viel besser ist es doch, umzukehren und den Maßstab des Evangeliums anzustreben, als so zu tun, als gäbe es kein Richtig oder Falsch, und in Sünde und Bedauern dahinzusiechen.” (D. Todd Christofferson)

Für manche mag das eine unbequeme Wahrheit sein – wahr ist es aber dennoch. Trotz unterschiedlicher Rassen, Nationalitäten, Bildung, Lebensstandards, politischer Ansichten – und ja, Religion – erfreut sich eine Gesellschaft, deren Mitglieder sich dazu verpflichtet fühlen, tugendhaft, ehrlich und redlich zu sein, des Friedens, Wohlstands und Glücklichseins wie keine andere.

Kurz nachdem mein Kollege mich davor gewarnt hatte, Religion zu sehr mein Leben bestimmen zu lassen, zog ich wegen meines Studiums weg und verlor den Kontakt zu ihm. Ich gab ihm, bevor ich wegging, ein Buch Mormon. Manchmal frage ich mich, ob er es gelesen hat und ob es ihm geholfen hat, sich Gott wieder nahe fühlen zu wollen. Wenn ich die Gelegenheit hätte, jetzt mit ihm zu sprechen, würde ich ihm sagen, dass es das Beste war was mir passieren konnte, dass ich zuließ, dass die Religion mein Leben übernahm. Das Witzige daran, dass wenn man zulässt, dass Gott den Lebensweg bestimmt, ist, dass man zwar vielleicht Dinge, die man möchte oder gar denkt, dass man sie braucht, aufgeben muss – das Leben, das man aber dafür erhält, ist um so viel besser als alles, was man sich für sich selbst hätte erträumen können. Denn wie der Erretter sagte, „wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen.” (Matthäus 16:25)


Holly Black

Holly ist eine Bäume umarmende, Kriechtiere liebende Autorin und Künstlerin. Ihr Mann und ihre zwei rothaarigen Söhne sind ihre Lieblingsmenschen; wenn sie sich mal nicht mit ihnen beschäftigt, liebt sie die Berge, schreibt in Notizbücher, kauft Antiquitäten und liest gute Bücher.

Der Beitrag wurde aus dem Englischen übersetzt. Er wurde ursprünglich am 15.10.17  auf mormonhub.com unter dem Titel „Don’t Let Religion Take over Your Life” veröffentlicht. Die Autorin ist Holly Black. Übersetzt von Kristina Vogt.

Wenn Sie mehr über die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen) wissen möchten, dann besuchen Sie einfach eine der offiziellen Webseiten der Kirche: mormon.org und lds.org.    

 

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