Als ich in Guangzhou (China), einer Küstenstadt in der Nähe von Hong Kong, wohnte, beschlossen meine Frau und ich, einen Ausflug nach Lhasa, der Hauptstadt Tibets, zu machen. Den ersten Tag ließen wir ruhig angehen, um uns etwas an die Höhenlage und den Luftdruck im Himalaya zu gewöhnen (3650 m ü. NN). An unserem zweiten Tag entschieden wir, dass wir nun bereit wären, uns doch körperlich zu betätigen; wir wanderten viel und erklommen den Marpori, um den Potala-Palast, die frühere Residenz und Regierungssitz des Dalai Lama, zu besichtigen. Wir hatten eine gute Zeit, aber am Abend bemerkte ich, dass ich mich zu sehr verausgabt hatte.

Der Höhenunterschied – von Meereshöhe auf 3650 m –  hatte einen größeren Einfluss auf mich, als ich erwartet hatte.

In dieser Nacht war ich todmüde, aber jedes Mal, wenn ich am Einschlafen war, wachte ich plötzlich nach Luft ringend auf. Das ging so die ganze Nacht lang und ich fühlte mich hoffnungslos und hatte Angst. In diesem nicht besonders rationalen Zustand fragte ich mich, ob ich im Hochland von Tibet ersticken würde. Mehrfach in dieser Nacht flehte ich Gott im Stillen an, mich aus dieser bedrohlichen Lage zu erlösen – aber ich bekam keine Hilfe. Ich weckte meine Frau Tina nicht auf, weil ich wusste, dass auch sie von unserem Abenteuer erschöpft war und ihre Ruhe brauchte.

Wenn man den Potala Palast in Lhasa, Tibet, besucht, kann die Luft schon etwas knapper werden.

Als es endlich Morgen wurde, waren meine Gedanken wegen Schlaf- und Sauerstoffmangels immer noch diffus und ich fühlte mich benebelt. Überraschenderweise erkannte ich, dass ich nicht rational dachte, konnte aber den gedanklichen Prozess, der in meinem Kopf ablief, nicht verändern; das Gefühl der Hoffnungslosigkeit und Angst war während der Nacht nur noch schlimmer geworden. Alles, woran ich denken konnte, war, dass ich noch zwei weitere qualvolle Nächte durchzustehen hatte. Als Tina aufwachte, sprach ich mit ihr über meine Ängste und mitfühlend schlug sie vor, dass ich das Hotelpersonal auf eine Maschine in unserem Hotelzimmer anspräche. Dieses Gerät – wir hatten es zwar beide gesehen, hatten ihm aber bisher keine große Beachtung geschenkt und wussten nicht, um was es sich dabei handelte. Auf den ersten Blick dachte ich, dass es vielleicht ein kleiner Kühlschrank sei, aber als ich es mir genauer anschaute, wurde mir schnell klar, dass es etwas anderes war. Ich dachte kurz daran, dass es vielleicht ein Sauerstoffkonzentrator sei, aber ich hatte noch nie einen gesehen.

Ich antwortete ihr, dass wenn das Gerät ein Sauerstoffkonzentrator sei, er sowieso nicht funktionieren würde. Er war ja nicht einmal an Strom angeschlossen. Und davon abgesehen war die Bedienungsanleitung wahrscheinlich auf Chinesisch. Wie sollte ich ihn also jemals in Betrieb nehmen? Mit ruhiger Stimme sagte Tina zu mir, dass sie nach unten gehen und das Hotelpersonal fragen würde. Um ihr keine Umstände zu machen, sagte ich widerwillig, dass ich gehen würde. Am Empfang erklärte ich in meinem rudimentären Chinesisch, dass ich keine Luft bekam und wollte wissen, ob das Gerät auf unserem Zimmer mir helfen könne. Zusätzlich zeigte ich ein Bild des Geräts. Der Angestellte versicherte mir, dass jemand in ein paar Minuten bei uns sein würde. Und wie versprochen klopfte es wenig später an unserer Türe.

Der Heilige Geist ist unsere Luft.

Der Angestellte betrat unser Zimmer, rollte die Maschine zu einem Stuhl, schloss einen kleinen Plastikschlauch an einem Ventil an, führte den Schlauch um meinen Hals und zu meiner Nase und schaltete das Gerät ein. Das erste Wunder geschah: Ich konnte spüren, wie die sauerstoffreiche Luft meine Lungen füllte und sich in meinem Körper verteilte. Es war wirklich erstaunlich. Und dann geschah das zweite Wunder. Diese dunkle Wolke der Furcht, Hoffnungslosigkeit und Zweifel, die über mir geschwebt hatte, begann sich aufzulösen, und der Nebel in meinem Verstand lichtete sich. Das Leben war wieder gut und ich würde am Leben bleiben. Die folgenden beiden Nächte waren erstaunlich friedvoll.

Nun, da ich wieder klar denken konnte, bemerkte ich etwas Beeindruckendes. Meine unerhörten Gebete waren eigentlich bereits erhört worden, bevor ich sie gesprochen hatte. Das Gerät – von dem ich später herausfand, dass es tatsächlich ein Sauerstoffkonzentrator war – war die ganze Zeit über da gewesen und hätte mir Trost und Sicherheit spenden können; ich hätte nur fragen müssen. Aber in meinem Zustand der Hoffnungslosigkeit und Angst hatte ich nicht den Glauben aufbringen können, selbst etwas so Einfaches zu tun – zu fragen. Ich dachte darüber nach, wie dieser Sauerstoffkonzentrator mit dem Heiligen Geist vergleichbar ist. Der Heilige Geist – der Tröster – ist immer bereit, uns zu helfen. Was wir tun müssen ist, mit ausreichend großem Glauben zu bitten. Elder Richard G. Scott lehrte einmal, dass der Geist unsere Entscheidungsfreiheit so sehr respektiert, dass er niemals in unser Leben eingreifen wird, außer wir bitten darum.1 Wie das Gerät auf meinem Zimmer bereit stand, steht auch der Geist bereit, um uns zu helfen und uns zu trösten, nur darauf wartend, dass wir darum bitten.

Vielleicht nicht zufällig haben das Wort für Geist im Alten Testament (רוּחַ Ruach) und im Neuen Testament (πνεῦμα pneuma) die gleiche Bedeutung: Wind oder Atem. Wir lesen, dass als Gott den Menschen „aus dem Staub des Erdbodens” formte, er seinen „Geist” nahm und „ihn in ihn [tat]” und „in seine Nasenlöcher den Lebenshauch [hauchte], und der Mensch wurde eine lebende Seele.” (Abraham 5:7)

An der frischen Luft

Ijob schrieb: „Solange noch Atem in mir ist und Gottes Hauch in meiner Nase” (Ijob 27:3).

Ähnlich dem Sauerstoffkonzentrator, der mir Trost brachte und mir meine Hoffnung und meinen klaren Verstand wiederbrachte, wirkt auch der Geist. Und so, wie wir unsere physischen Lungen mit Atem füllen müssen, müssen wir auch unsere geistigen Lungen mit dem Heiligen Geist füllen, um nicht geistig zu sterben. Wie Ijob andeutet, müssen wir den Geist atmen – er muss in unseren Nasenlöchern sein und unsere Lungen anfüllen.

Jesaja, dessen Aussagen immer als Parallelen gesehen werden können, schrieb: „So spricht Gott, der Herr, der den Himmel erschaffen und ausgespannt hat, der die Erde gemacht hat und alles, was auf ihr wächst, der den Menschen auf der Erde den Atem verleiht und allen, die auf ihr leben, den Geist” (Jesaja 42:5, Hervorhebungen hinzugefügt). In diesem Vers vergleicht der Prophet „den Menschen Atem verleihen” mit „ihnen den Geist geben”. Der Geist gibt uns wirklich lebensspendenden Atem.

Diese Nacht auf der tibetischen Hochebene, in der mir Schlaf und Sauerstoff fehlten, lehrte mich, immer auf meine physischen und geistigen Lungen, die der Herr mir gegeben hat, zu achten und für sie dankbar zu sein. Ich werde mich immer an den Sauerstoffkonzentrator zurückerinnern, der mir half, ein neues Verständnis davon zu bekommen, wie der Geist in meinem Leben wirken sollte und es tut.


Loren Blake Spendlove

Loren Spendlove erhielt einen MBA von der California State University und einen Doktortitel von der University of Wyoming. Spendlove hat in den vergangenen 30 Jahren in verschiedenen Bereichen gearbeitet, darunter in wissenschaftlichem Kontext und in der Unternehmensführung. Zusammen mit seiner Frau arbeitet er derzeit im Bereich Kulturgüter – Manufaktur und Design. Seine Forschungsinteressen sind Linguistik und Etymologie.

1Auszug aus einer Ansprache, die  Richard G. Scott bei einer Zonenkonferenz der Missionare in Beira, Mozambique, im Januar 2011 gab.

Der Beitrag wurde aus dem Englischen übersetzt. Er wurde ursprünglich am 11.3.17  auf mormoninterpreter.com unter dem Titel „A Tibetan Parable” veröffentlicht. Der Autor ist Loren Blake Spendlove. Übersetzt von Kristina Vogt.

Wenn Sie mehr über die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen) wissen möchten, dann besuchen Sie einfach eine der offiziellen Webseiten der Kirche: mormon.org und lds.org.

(Visited 56 times, 1 visits today)