Diese Geschichte wurde ursprünglich 2005 auf LDS Living veröffentlicht. Mario Facione verstarb 2015. Hier ist seine Geschichte.

Es scheint in jeder Kultur und Zeitperiode Bösewichte zu geben – die Philister zur Zeit Davids, die Gadianton-Räuber im Buch Mormon, die Nazis, Kommunisten und die heutigen Terroristen. Es gab eine Zeit, da waren die Bösewichte, von denen alle gelesen haben, die Mafia – die Cosa Nostra. Es waren Geschichten über organisierte Kriminalität, die in Büchern von Mario Puzo verherrlicht und von Marlon Brando und anderen Schauspielern mit italienisch klingenden Namen auf dem Bildschirm dargestellt wurden. Die Mafia oder der „Mob” befand sich immer in Großstädten wie New York, Chicago, Las Vegas oder Detroit.  Namen wie Jimmy Hoffa und Al Capone waren berüchtigte Haushaltsikonen. Und jeder wusste, dass diese Leute bis ins Mark schlecht waren und weit und breit gefürchtet wurden.

Dann machte einer von ihnen aus Detroit eine unvermittelte Wandlung durch, weil zwei junge Missionare ihm ein seltsames Buch gaben, das in ihm das Gefühl hervorrief, es lesen zu müssen. Sein Name war Mario Facione und er war spezialisiert auf Diebstahl und Schwarzmarkt-Liquidation von schweren Baumaschinen. Er konnte nicht gut lesen, also lernte er es, indem er sich durch das Buch Mormon kämpfte. Er war vom Geist des Buches berührt und wurde 1981 getauft. Aber als er um Genehmigung bat, in den Tempel gehen zu dürfen, sagte ihm sein Bischof, dass er nicht zwei Herren dienen könne; er müsse die Tür zur Vergangenheit ganz schließen. „Aber du verstehst nicht. Sie werden mich töten“, antwortete Facione.  „Man läuft nicht einfach von der Mafia davon.“

Mario Facione Mafia

Der Bischof sagte, es gebe keinen anderen Weg. Also traf Mario eine Entscheidung, bereit, notfalls für seinen neu gewonnenen Glauben zu sterben. Nachdem er belastende Dokumente in einem geheimen Schließfach am Flughafen von Detroit versteckt hatte, verhandelte Facione mit ehemaligen Anführern über Leben und Freiheit. Dabei verließ ihn seine Frau und er wurde mit Gerichtsverfahren bombardiert, die ihn mittellos machten. Aber er vertraute dem Herrn und blieb entschlossen in seinem Glauben. Das ist seine Geschichte: Vom Mafioso zum Mormonen.

Meine Einführung in die Geschäftswelt

Mein Vater war Mitglied des Italienischen Verbandes von Detroit, ja, er war so etwas wie eine feste Instanz. Als ein Meister der Diplomatie und der Sprache, stieg er zum Präsidenten der Gruppe auf. Viele gewerkschaftliche Schwergewichte gehörten dem Verein an. Sie wählten meinen Vater zum Präsidenten, weil er, solange er italienisch sprach, einen Punkt sehr effektiv vermitteln konnte. Jeder respektierte seine Entschlossenheit.

Mein Vater war klug genug, um in der Unterwelt meistens sauber zu bleiben.  Er hatte einen Zeh drin und den Rest seines Fußes draußen. Er betrieb zu der Zeit ein erfolgreiches und legitimes Zementgeschäft, war aber auch noch genügend mit der anderen Seite verbunden, um Hilfe zu bekommen, wenn er sie brauchte. Die Männer brauchten meinen Vater, um einige ihrer Betrügereien zum Laufen zu bringen, und er war froh, dass er helfen konnte. Wie mein Vater, konnte ich die Chance für einen Betrug so schnell wittern wie den ersten Duft von Mamas Kochkunst, wenn er aus der Küche wehte. Ich trat der US-Armee bei, nachdem ich buchstäblich meinen Schulabschluss gekauft hatte. Nach kurzer Zeit im militärischen Fahrbereitschaftsdienst erkannte ich, dass es das Potenzial gab, auf dem Schwarzmarkt Werkzeuge, Teile und andere militärische Ausrüstung zu verkaufen, von denen meine Vorgesetzten nie wissen würden, dass sie fehlten. Zu dieser Zeit war das Inventar- und Archivierungssystem der Armee unglaublich schlampig. Ich lernte früh, dass wenn man – wie ich – nicht zur Schule gehen will, um eine Karriere zu machen,  dies genau das richtige Leben war. Dabei vergaß ich nie die Lektion meines Vaters: Das Geheimnis des Erfolgs ist, sich nie erwischen zu lassen. Nachdem ich zwei Jahre in der US-Armee verbracht hatte, wurde ich mit einer ehrenhaften Entlassung von meinen Diensten entbunden. Ich kehrte nach Hause zurück und arbeitete im Zementgeschäft meines Vaters. Ich mochte das Zementgeschäft nie, aber die Treue und Achtung vor meinem Vater hielten mich darin fest. Eines Abends nach dem Abendessen ließ ich ihn wissen, dass ich das Familienunternehmen nicht übernehmen wollte.  Mein Vater war wütend. Er sagte zu mir: „Komm nie wieder zurück.“ Aber etwa ein Jahr später glätteten sich die Wogen.  Zu diesem Zeitpunkt hatte auch mein älterer Bruder das Geschäft verlassen, und mein Vater hatte sich mit der Tatsache abgefunden, dass seine Jungs auf eigene Faust losziehen würden.

Aufbau des Geschäftes

Meine lukrative Karriere auf dem Schwarzmarkt für schwere Maschinen begann, als ein Freund von mir Papierkram für einen großen Maschinenhersteller hier in den Staaten erledigte; er wusste, dass es keine Möglichkeit auf der Welt gab, die Ausrüstung zurückzuverfolgen, sobald sie erst einmal das Haus verlassen hatte. Die Maschinen hatten keine Seriennummern. Ich hatte nicht die finanziellen Mittel, um zu diesem Zeitpunkt hinauszugehen und das Netzwerk aufzubauen, das ich brauchte, um den Betrug abzuziehen. Also ging ich zu bestimmten Leuten, zeigte ihnen das Potenzial, und sie stellten mich auf. Es war eine Chance, die ich zu nutzen wusste. Eine ehrliche Person wäre vielleicht zum Hersteller gegangen, hätte auf die Mängel hingewiesen und dann viel Geld verlangt, um ihnen zu helfen, die Schlupflöcher zu schließen. Ich nicht. Ich drehte es um und nutzte es aus, machte Millionen daraus und wurde ein wichtiger Akteur im Italienischen Verband. Im Jahr 1968 war ich die Schlüsselfigur in etwa sechs Operationen. Ich benutzte eine Menge falscher Namen und falscher Identitäten, um Betrügereien auf- bzw. abzubauen. Es war ungefähr zu dieser Zeit, als ich meine zukünftige Frau Lynette kennenlernte. Sie war sehr diskret. Sie sagte nie jemandem etwas, was er nicht wissen sollte. Ich brauchte einen Gefährten, und sie war in gewisser Weise hilfreich, indem sie mir half, meinen Rücken zu schützen. Wir heirateten und das war in vielerlei Hinsicht ein für beide Seiten vorteilhaftes Arrangement.

Mein erster Eindruck von Mormonen

Im Frühjahr 1980 stieg ich in ein Flugzeug nach Salt Lake City, Utah. Ich hatte vorab Geld angelegt, um mich an einem Geschäft zu beteiligen, und war auf dem Weg zu dem Ort, an dem alles stattfinden würde. Meine Gedanken über die Details des Geschäfts, das ich plante, wurden durch die Stimme des Piloten in der Kabine unterbrochen, die ankündigte, dass wir uns dem Flughafen von Salt Lake City näherten. Ich schaute hinüber und sah die aufsteigenden Türme des aus Granit gefertigten „Mormonentempels“ im Zentrum von Salt Lake City. Meine Augen waren auf die glänzenden Türme dieses Tempels gerichtet. Es war das schönste Gebäude, das ich je gesehen hatte.

Welche Regeln haben Mormonen?

Ich wurde, wie vereinbart, von einem jungen Mann empfangen, der mich nach Provo fahren sollte, wo ich mich mit meinem Kontakt treffen würde. Auf dem Weg nach Süden durch das Salt Lake Valley war ich immer wieder beeindruckt von dem, was ich sah. Ich erinnerte mich vage daran, dass ich von dieser Religion gehört hatte, die in Salt Lake City ansässig sein sollte, und bat den Jungen, der fuhr, mir davon zu erzählen. Es stellte sich heraus, dass er kein aktives Mitglied der Kirche mehr war. Er erzählte mir ein wenig von den Mormonen, wie sie waren. Ich fing an, über die Quäker nachzudenken, die ein lustiges Leben führen und nicht im Mainstream der Welt sind. Der junge Mann erzählte mir nicht viel mehr, nur, dass Mormonen sehr einzigartig seien. Er war nicht verbittert; er sagte nur, er wolle sich nicht mehr in der Kirche engagieren. Aber er sagte, sie sei gut und auch die Gemeinschaft sei gut. Nachdem ich meinen Kontakt getroffen hatte, unterhielten wir uns ein paar Minuten und einigten uns auf die Pläne für den nächsten Tag. Ich ging zur Übernachtung in mein Hotel. Ich hatte mich gerade erst in meinem Hotelzimmer ins Bett gelegt und muss eingeschlafen sein, denn bald darauf sah ich mir in meinem Traum eine Art Theaterstück an.

Ich war der einzige Zuschauer und die Schauspieler unterhielten sich direkt mit mir.  Als ich verwirrt dasaß, hörte ich folgende Worte: „Du musst das machen“, sagte einer, bevor ein anderer Kerl auf mich zukam. Der sagte: „Du musst diesen Weg einschlagen.“ Es war, als würden sie jedes Wort an mich richten, und ich steckte einfach in dieser Masse der Verwirrung fest und dachte mir nur: „Whoa, was soll ich bloß machen?“ Da ich der einzige dort war, mussten sie wohl zu mir sprechen. Soll ich diesen Weg nehmen, über den sie ständig geredet haben? Die Worte kamen immer wieder, hämmerten mir im Kopf, und ich stand da und wusste nicht, was ich tun sollte. Es war, als ob die gelbe Backsteinstraße vor mir lag. Diese Jungs sagten mir, ich solle ihr folgen, aber ich konnte mich nicht bewegen. Ich schreckte aus dem Schlaf hoch und erinnerte mich deutlich an jedes Detail dieses Traums. Ich war verwirrt. Es gab nichts, worauf ich den Traum beziehen konnte, keine religiösen Überzeugungen, die mir helfen könnten, das Erlebte zu verarbeiten. Was auch immer der Grund für seine Entstehung war, der Traum blieb in meinem Gedächtnis. Am nächsten Tag bekam ich auf einmal ernsthafte Zweifel an dem Kerl, mit dem ich arbeitete, und an dem Deal, den wir ausgearbeitet hatten. Ich konfrontierte ihn und sagte ihm, ich wolle mein Geld zurück. Er gab es mir und ich fuhr wieder nach Detroit. Die Details des Traumes noch immer in lebhafter Erinnerung, ging ich zurück in den Laden und zu meinen Geschäften, zurück zu einer Lebensweise, die zum Weitermachen bestimmt schien.

Die Missionare gewinnen meine Aufmerksamkeit

Ich war genau zwei Wochen wieder in Michigan, als ich nach der Arbeit heimkam und von meiner Frau etwas hörte, das meinen Blutdruck durchs Dach schickte. Sie erzählte mir, zwei junge Männer in Anzügen hätten an diesem Tag an die Türe geklopft. Es war ein ganz normaler Tag, aber aus irgendeinem Grund war sie nicht bei der Arbeit gewesen und sprach mit den beiden Jungs, die sich als Elder Staples und Elder Gardner vorstellten. Sie sagten, sie seien von dieser Kirche in Salt Lake City. Sie lächelte, weil sie wusste, dass ich gerade dort auf einer Geschäftsreise gewesen war, und erzählte es ihnen. Sie gaben ihr ein paar Broschüren über ihre Kirche und fragten, ob sie zurückkommen könnten, wenn ich zu Hause sei. Aus irgendeinem Grund, von dem ich nicht glaube, dass sie ihn selber kannte, sagte Lynette Ja.  Das war schon schlimm genug, aber es kam noch schlimmer. Zu dieser Zeit hatten wir eine Telefonleitung in unserem Haus, die niemand kannte, außer uns und zwei anderen. Es ging um Anrufe, von denen niemand erfahren durfte. Aus unerfindlichen Gründen gab Lynette ihnen die Nummer dieser Privatleitung, um mich zurückzurufen. Sie verließen unser Heim mit einer Telefonnummer, die sie nie hätten haben dürfen. Als ich nach Hause kam und davon erfuhr, war ich wütend. Hektisch versuchte ich, eine Lösung zu finden. Ich musste diese Nummer zurückbekommen und herausfinden, wem Lynette sie gegeben hatte. Sicher, sie hatten gesagt, dass sie von irgendeiner Kirche seien, aber jeder, einschließlich der Staatsagenten, konnte diese Geschichte erfinden. Ich erwartete ihren Anruf, bereit mich auf den Mann zu stürzen, ihm zu sagen, dass er die Nummer loswerden solle und ihm wirklich anzuraten, nie wieder etwas mit dieser Nummer oder mir zu tun haben zu wollen. Aber als der Anruf kam, lief es nicht ganz so ab. Als dieser junge Mann, der sich selbst als Missionar der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage bezeichnete, anfing, mit mir zu reden, kam stattdessen etwas über mich, das mich dazu brachte, mich zu entspannen. Anstatt ihn, wie geplant, zu bedrohen, unterhielten wir uns ein paar Minuten lang und ich war ganz ruhig und interessiert an dem, was er sagte. Ich dachte, es sei aus zweierlei Gründen vielleicht gut, diese Jungs kennenzulernen: um herauszufinden, ob sie mich betrügen wollten und auch, um sie zu überzeugen, das mit der Telefonnummer, die sie bekommen hatten, zu vergessen. Wir vereinbarten einen Termin für die nächste Woche. Obwohl ich es damals noch nicht wusste: Ich werde Lynette immer dankbar dafür sein, dass sie ihnen diese private Telefonnummer gegeben hatte. Das hatte den beiden jungen Missionaren meine volle Aufmerksamkeit geschenkt.

5 Dinge, die ich auf Mission gelernt habe

Regelverstöße

Als die jungen Männer an diesem Abend zu meinem Haus kamen, sah ich ihre Namensschilder mit dem eingravierten Namen ihrer Kirche und wie jung sie waren.  Es hat mich umgehauen! Wir gingen hinein und ich sagte: „Okay, sagt mir, worum es euch geht.“ Sie fingen an, über den Glauben an Jesus Christus und etwas, das sie den Erlösungsplan nannten, zu sprechen. Sie sprachen darüber, wie Jesus gestorben ist, damit den Menschen ihre Fehler vergeben werden können, und dass sie nach ihrem Tod mit dem himmlischen Vater zusammenleben können. Bis jetzt hatte mir niemand die Antworten über den Sinn des Lebens geben können.  Diese beiden Jungen gaben mir eine Antwort auf jede Frage, die ich hatte. Und ich hatte eine Menge Fragen! Ich war wirklich in die Lektion vertieft. Sie beantworteten meine Fragen und ich wollte weitermachen. Es wurde spät und sie bestanden darauf, um eine bestimmte Uhrzeit zu Hause zu sein und gehen zu müssen. Sie sagten, dass jemand, den sie ihren Missionspräsidenten nannten, die Regeln festlegte und dass sie sich vor ihm verantworten müssten. „Holen Sie ihn ans Telefon“, sagte ich. Sie sahen sich an, als ob sie sagen wollten: „Whoa, das können wir nicht machen“, aber ich sagte ihnen, wenn sie jemals wiederkommen wollten, dann sollten sie ihn besser ans Telefon holen. Der Missionar, der den Anruf machen sollte, war wirklich nervös, aber er griff trotzdem zum Hörer. Ich sprach selber mit dem Missionspräsidenten. „Ich weiß, dass die Jungs Regeln haben, aber ich höre gerne zu, was sie zu sagen haben“, sagte ich der gesichtslosen Person am anderen Ende der Leitung. „Ich will nicht noch eine Woche warten.  Ich sorge dafür, dass sie sicher nach Hause kommen, damit Sie sich keine Sorgen machen müssen.“ Der Präsident war nicht leicht zu überzeugen. Er brachte diese Regeln zur Sprache, an die sie sich halten sollten. Aber ich wollte nicht hören. „Wenn sie jetzt nicht bleiben können, brauchen Sie sie mir nie mehr zu schicken“, sagte ich. Und so meinte ich es auch. Er stimmte schließlich zu und sagte, ich solle dem einen Missionar sagen, er solle ihn anrufen, wenn er später in dieser Nacht zurückkomme. Gegen 2:00 Uhr morgens ließ ich sie endlich gehen. Ich fuhr ihnen nach, um sicherzugehen, dass alles in Ordnung war, und erinnerte sie daran, ihren Chef anzurufen. Wir vereinbarten einen Termin für die nächste Woche. Seit diesem Marathonbesuch beschäftigte sich mein Verstand jeden Tag mit allem, was ich gehört hatte. Es war wie ein Flüstern – Stimmen, Erinnerungen, die mir folgten, die es mich nicht vergessen ließen. All dies geschah in meinem Kopf und ich konnte mit niemandem darüber reden, besonders nicht mit den Leuten, mit denen ich zu tun hatte. Für sie war Religion eine der erfolgreichsten Betrügereien aller Zeiten, eine Fassade, die verwendet wurde, um Millionen und Abermillionen von Dollars zu erzielen.

Werde ich betrogen?

Ich konnte es kaum erwarten, sie in der nächsten Woche wiederzusehen. Aber als sie vorbeikamen, baten sie mich immer wieder, Schriftstellen zu lesen. Schließlich zog ich einen Missionar beiseite und sagte: „Ich weiß nicht, wie man liest, also tu mir einen Gefallen und hör auf, mich zu fragen.  Du bringst mich in eine peinliche Lage.“ Er bekam ein richtig rotes Gesicht und sagte: „Okay, okay, okay. Ich werde dich nicht mehr fragen.“ Die Lektion dauerte an diesem Abend nur vier Stunden, aber als sie gingen, fragte ich, ob sie wollten, dass ich sie wieder nach Hause begleite. Ich ging mit ihnen nach draußen und einer der Missionare ging zum Kofferraum ihres Autos, öffnete ihn und gab mir ein Buch Mormon. Ich starrte ihn an. „Mann, ich bin nicht mal in die 10. Klasse gegangen“, sagte ich.  Ich habe mich bis dahin durch die Schule gemogelt. Ich glaube nicht, dass ich das schaffe.“ „Geh auf die Knie und bete darüber“, antwortete der Missionar. Ich hörte das und sagte zu mir selbst: „Du meinst, alles, was ich tun muss, ist, einfach auf die Knie zu gehen, diesem Rat zu folgen und Gott zu fragen, und ich werde in der Lage sein, mit dem Lesen zu beginnen?“ Ich fand das schwer zu glauben, aber der Missionar hatte mich gerade herausgefordert und ich nahm die Herausforderung an. Ich entschied mich, es zu versuchen, aber nicht vor meiner Frau. Sie fand die Missionare und ihre Kirche nett, beschäftigte sich aber nicht wirklich damit. Sie ging zu Bett und ich blieb im Wohnzimmer. Ich öffnete das Buch Mormon und sah es mir an. Ich sah die Worte, die Sätze, die ungewohnte Sprache einer längst vergangenen Zeit, und  Zweifel überfluteten mich. Also kniete ich mich neben der Couch im Wohnzimmer nieder. Ich war nervös. Es war mir nicht peinlich, aber ich war sehr nervös, denn was wäre, wenn es wirklich einen Gott gab? Ich war so daran gewöhnt Leute zu betrügen und fragte mich, ob ich betrogen wurde. Oder, andersrum, habe ich Gott betrogen? Ich ging auf die Knie und dachte: „Okay, ich schaffe das.“ Also habe ich es versucht. Keine große Sache. Ich meine, ich habe nur darum gebeten, lesen zu können. Ich ging zu Bett, unsicher, dass die Worte weiter als bis zu den Wänden des Wohnzimmers gegangen waren. Am nächsten Morgen war Samstag. Also nahm ich das Buch mit in mein Büro und saß ganz allein hinter meinem Schreibtisch. Ich öffnete das Buch und las Zeile für Zeile die dazugehörige Einleitung. Ich saß stundenlang da und las jedes Wort. Je mehr ich mich damit beschäftigte, desto stimmiger fühlte es sich an.  Mir wurde nicht langweilig. Manchmal war ich über ein, zwei Wörter frustriert, aber es wurde mir nicht langweilig.

Eine Veränderung des Herzens

 

Beim nächsten Besuch brachten die Missionare einen Film über die Einweihung des Washington-D.C.-Tempels mit. Der Erzähler sprach über den Bau dieses prächtigen Gebäudes außerhalb der Hauptstadt der Nation, über den Erlösungsplan und über die Siegelungsräume, in denen Bräute und Bräutigame heiraten konnten, nicht nur „bis dass der Tod sie scheidet”, sondern für die Ewigkeit. Als der Erzähler fortfuhr, schwenkte die Kamera in den Tempel hinein, hob sich mit einem Hubschrauber in die Höhe und umkreiste die Türme einschließlich des Turms, der von der glitzernden, goldenen Moroni-Figur geschmückt war, der eine Trompete zum Himmel reckt. Das überwältigte mich. Eine elektrische Spannung lief durch mich hindurch. Schon allein der Anblick dieser Statue und das Wissen, was sie darstellte und worum es ging, hat mich einfach umgehauen. Etwas brach in mir auf. Ich weinte wie ein Baby. Ich hatte dieses überwältigende Gefühl, dass ich in dieses Gebäude kommen musste. Ich konnte dieses Gefühl nicht erklären. Als die Lichter wieder angingen, wandte ich mich an diese Jungen und sagte: „Ich muss zu diesem Gebäude gehen.  Was muss ich tun, um dorthin zu gelangen?“ Ich wusste ohne jeden Zweifel, dass das, was ich sah, was sie mir gezeigt hatten, wahr war. Von diesem Tag an wusste ich, dass sich mein Leben ändern musste. Mir wurde klar, dass sich mein Lebensunterhalt, mein Lebensstil, alles, was ich bisher kannte, komplett ändern musste.

Lebend hinausgehen

Manchmal treffen wir wildfremde Menschen, die unser Leben verändern.

Kurz darauf wurde ich als Mitglied der Kirche getauft. Nachdem ich sorgfältig Pläne gemacht hatte, die Organisation zu verlassen, und das lebensbedrohliche Risiko erfasste, das ich eingehen würde, organisierte ich ein Treffen mit der Leitung der Organisation. Wir trafen uns in einem Warenhaus in Detroit, das uns als Lager diente. Dort erklärte ich, dass ich der Mormonen-Kirche beigetreten war. Ich erzählte ihnen, wofür das Ganze stehe, und erklärte ihnen, dass ich aufgrund meiner neuen Überzeugungen nicht mehr länger mit solchen Operationen beschäftigt sein könne. Ich müsse aussteigen. Unser Anführer, Herr Borilla, bekam einen Wutanfall, der Blumen und andere Lebewesen zum Verwelken hätte bringen können. Offensichtlich hatte ich meinen Verstand komplett verloren, so schien es ihm und höchstwahrscheinlich auch allen anderen. Bei einem Wortwechsel mit den anderen setzte sich Herr Borilla hin und beobachtete mich, hörte mir zu, was ich zu sagen hatte, sah sich um und sah mich dann an. „Ich habe von diesen Leuten gehört“, sagte er und brach schließlich sein Schweigen. „Ich weiß, dass es gute und vertrauenswürdige Menschen sind. Wenn du so lebst, wie sie wollen, muss ich mir keine Sorgen machen.” Bald endete das Gespräch mit einem Händedruck, dem Bindungssymbol, das jedem im Raum sagte, dass es keinen Tod geben dürfe, und ich drehte mich um und ging hinaus. Mit jedem Schritt rückte die Lagertür näher heran, aber ich war mir immer noch nicht ganz sicher, dass ich nicht von hinten erschossen würde, bevor ich sie erreichte. Ich schaffte es durch die Tür. Nichts passierte. Zu meinem Auto. Immer noch nichts. Ich steckte meinen Schlüssel in die Zündung und startete den Motor. Dabei fragte ich mich, was unter der Motorhaube verdrahtet sein könnte. Keine Explosion. Ich verließ den Parkplatz und fuhr die Straße hinunter. In diesem Moment überfluteten mich süße Erleichterung und Staunen. Ich erkannte, dass ich das Unmögliche getan hatte. Ich war der Mafia lebend entkommen!

Eine vollkommene Wendung

Lynette und ich schlossen uns gemeinsam der Kirche an, aber sie nahm es nicht so ernst wie ich. Unsere Ehe endete nach wenigen Monaten. Nachdem alles gesagt und getan war, verließ ich mein altes Leben völlig pleite. Alles, was ich besaß, war mein Auto, meine Kleidung und zehn oder zwölf Dollar. Auf der anderen Seite, nachdem sich mein Geist durch Demut verändert hat, hat sich mein Leben gewandelt und ist auf eine Weise aufgeblüht, die ich nie erwartet hätte. Mein intensiver Wunsch, durch den Tempel zu gehen, wurde nach einem Jahr Wirklichkeit. Ich traf mich mit dem Missionar, der mich belehrt und getauft hatte, als ich zum ersten Mal durch den Salt-Lake-Tempel ging. Er brachte sein Missionstagebuch mit, und gemeinsam erkannten wir, wie der Herr uns geholfen hatte, einander zu finden. Mehr als einundzwanzig Jahre sind seit jener Nacht im Hotelzimmer in Provo, der Nacht meines Traums, vergangen. Der Herr versuchte, mir die Botschaft auf eine Art und Weise zu vermitteln, die ich auch ohne Ausbildung verstehen könnte. Ich werde diesen Traum nie vergessen. Die volle Bedeutung des Traums traf mich wie eine tonnenschwere Ladung Ziegelsteine, und zwar an dem Tag, an dem ich im Jordan-River-Tempel Cathy heiratete und an sie und ihre drei Kindern gesiegelt wurde. Ich erkannte, warum der Herr mir den Traum, die Missionare und die Befreiung gesandt hatte.  Er brauchte mich, um diese Kinder großzuziehen. Das war Teil seines Plans. Im Laufe der Jahre haben wir ein komfortables Leben geführt und ein komfortables Einkommen gehabt, obwohl es nie an den Lebensstil herankommt, den ich vorher gehabt hatte. Aber das würde ich sowieso nicht wollen. Keine Macht, kein Geld und kein Ansehen kämen je an den geistigen Reichtum heran, den ich dank der erlösenden Liebe, die der Herr mir gegeben hat, empfangen habe.


Dieser Beitrag wurde aus dem Englischen übersetzt. Er wurde ursprünglich auf ldsliving.com unter dem Titel „”They’ll Kill Me”: Why a Mafia Member Risked His Life to Become Mormon” veröffentlicht. Die Autor ist Mario Facione. Übersetzt von Janine Windhausen.

Wenn Sie mehr über die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen) wissen möchten, dann besuchen Sie einfach eine der offiziellen Webseiten der Kirche: mormon.org und lds.org.

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