Der nachfolgende Beitrag ist die Zusammenfassung eines Podcasts. Der Link zum Podcast auf Englisch wird am Ende des Beitrags angegeben.

In dieser Episode interviewt Brian Hales Don Bradley über seine Forschung der vergangenen Jahrzehnte bzgl. des verloren gegangenen Teils des Buches Mormon. Schon als Jugendlicher interessierte sich Don dafür, was die 116 Seiten des Buches Lehi enthielten, die Martin Harris 1828 verlor.

Die meisten PV-Kinder (3- bis 12-jährige Kinder) kennen die Geschichte: wie der Herr dreimal „Nein” sagte, dann aber nachgab und jemand daraufhin die Manuskriptseiten von Martin Harris stahl. Gott gebot Joseph Smith, diesen Teil der Goldenen Platten nicht erneut zu übersetzen, weshalb die Lehren und Geschichten, die auf diesen Seiten zu finden waren, für immer verloren sind … Aber stimmt das?

Ursprünglich hatte Martin Harris geglaubt, dass seine Frau Lucy das Manuskript genommen hätte, aber er dachte, entgegen dem, was oft gesagt wird, nicht, dass sie es verbrannt oder zerstört hatte. Als Lucy Harris 1836 im Sterben lag, bestritt sie vehement, etwas mit dem Diebstahl des Manuskriptes zu tun zu haben. Sie war eine tiefgläubige Quäkerin, denen absolute Ehrlichkeit ausgesprochen wichtig ist. Allem Anschein nach überzeugte ihre Bekundung auf dem Sterbebett Martin, dass sie tatsächlich nichts mit dem Diebstahl zu tun hatte.

Martin Harris 116 Seiten

Auf die Frage, ob die verschwundenen Seiten eines Tages wieder auftauchen würden, antwortete Don: „Ich hoffe es wirklich.” Aber dann warnt er: „Ich denke, dass sie nach 189 Jahren bereits aufgetaucht wären, sollten sie noch irgendwo sein.” Don spekuliert: „Es wäre einer der größten Funde in der Geschichte der Mormonen und einer der größten Funde in der Religionsgeschichte, wenn sie auftauchen würden. Daher hoffe ich auf jeden Fall, dass sie noch irgendwo da draußen sind.”

Jemand, der immer daran geglaubt hatte, dass sie wieder auftauchen würden, war der Vater des Propheten, Joseph Smith Senior. 1830 gab er ein Interview, in dem er dem Interviewenden sagte, dass das Manuskript eines Tages wieder auftauchen würde. Don ist sich nicht sicher, ob das dessen eigene Meinung war oder ob er damit seinen Sohn Joseph Smith jr. zitierte.

Don glaubt, dass weit mehr als 116 Seiten abhanden kamen. Gelehrte sind sich einig, dass 116 die Anzahl der Seiten des Druckmanuskripts war, das den Zeitrahmen der Kleinen Platten abdeckt, was in etwa dem Zeitraum der verloren gegangenen Seiten entspricht. Möglicherweise hat Joseph die Anzahl der Seiten daher eher geschätzt als gezählt, bevor er sie Martin gab.

Gestohlene 116 Seiten

Das verschwundene Manuskript deckt etwa die Hälfte des von Mormon gekürzten Teils ab, das die 600 Jahre von Lehi bis Christus und bis zum Jahr 320 n. Chr. umfasst. Die verbliebenen Seiten ab dem Buch Mosia verkörpern den zweiten Teil des von Mormon gekürzten Berichts und sind viel umfassender als 116 Seiten. Don fragt: „Warum sollte die erste Hälfte so kurz sein?”

In den vergangenen Jahrzehnten hat Don versucht, die verschollenen Bedeutungen und Erzählungen der 116 Seiten durch Recherchen zu finden. Aber wie stellt man es an, verlorene Worte, verlorene Seiten und verlorenen Inhalt zu rekonstruieren? Er erklärt, dass es dafür verschieden Möglichkeiten gibt. Es gibt kleine Hinweise darauf im Buch Mormon selbst, bspw. die „Kleinen Platten” – 1 Nephi bis Omni bzw. Worte Mormons – die über den gleichen Zeitraum berichten wie die verlorenen Seiten. Obwohl auf diesen Platten nicht viel über geschichtliche Ereignisse berichtet wird, bekommen wir immerhin einen Abriss, was auf den 116 Seiten stand.

Ein weiterer Hinweis sind Passagen im Buch Mormon, in denen auf frühere Erzählungen Bezug genommen wird, die wir nicht haben. Ein Beispiel dafür wäre Mosia 11, wo wir erfahren, dass König Mosia einen Turm auf einem Hügel nördlich des Landes Schilom baut, „das für die Kinder Nephi ein Zufluchtsort gewesen war zu der Zeit, da sie aus dem Lande flohen”. Im Buch Mormon, wie wir es heute kennen, wird dieser „Zufluchtsort” oder „die Zeit, da sie aus dem Lande flohen” nicht erwähnt, es wird aber davon ausgegangen, dass wir die Geschichte bereits kennen, was ein Hinweis darauf sein könnte, dass sie im verlorenen Teil enthalten war.

Don spricht auch über Hinweise, die nicht direkt im Text zu finden sind, wie Aussagen oder Ähnliches, wie bspw. frühe Offenbarungen von Joseph Smith. Die Offensichtlichste ist dabei sicherlich Abschnitt 10 in Lehre und Bündnisse, wo es in etwa heißt: „Du erinnerst dich daran, dass in deiner früheren Übersetzung gesagt wurde, dass auf den Platten Nephis ein ausführlicherer Bericht dieser Dinge – was auf den Großen Platten enthalten war – zu finden sei.”

Die Hinweise, die nicht direkt aus dem Buch Mormon stammen, mit der größten Bedeutung sind direkte Aussagen. Die einzige Aussage, die allgemein bekannt ist, ist etwas, das der Apostel Franklin D. Richards gesagt hatte, der berichtete, dass er, als er in Nauvoo war, hörte, wie der Prophet Joseph Smith jemandem erklärte, dass das Buch Mormon das Holz Ephraims sein könnte. Er erklärte, dass auf den verlorenen Seiten stand, dass zwar Lehi ein Nachkomme Manasses war, Ischmael aber ein Nachkomme Ephraims.

Auch in anderen Quellen finden wir signifikante Hinweise. Manchmal kommen wir so an zusätzliche Informationen zu Berichten, über die wir bereits verfügen, manchmal finden wir Erzählungen, die wir nicht kennen. Und auch wenn diese Details nicht durch eine Sekundärquelle belegt werden können, passen sie zu dem, was wir bereits wissen.

Beispielsweise heißt es in einer Quelle: „In der Stadt Jerusalem fand ein großes Festmahl statt” in der Nacht, in der Nephi sich der Stadt näherte, um die Messingplatten zu erlangen. Es müsste ein jüdisches Fest gewesen sein, was erklären würde, weshalb Laban formell gekleidet war und mit den „Ältesten der Juden” unterwegs war (vgl. 1 Nephi 4).

An einer anderen Stelle wird erwähnt, dass Lehi während der Reise von Jerusalem zum Ort Überfluss ein Tabernakel bzw. einen tragbaren Tempel baute. Dieser heilige Platz wird in unserer heutigen Fassung des Buches Mormon nicht erwähnt, aber es könnte der Ort sein, an dem Lehi Anweisungen durch den Liahona erhielt.

Manuskript Joseph Smith Martin Harris

In Dons Forschung finden sich Erklärungen dafür, wie die Nephiten die „Übersetzersteine” (später Urim und Tummim genannt) erlangten. Jareds Bruder erhielt diese von Gott, aber im Buch Mormon wird nicht erwähnt, dass Lehi oder Nephi sie besaßen.

Im Buch Omni lesen wir von Mosia I, der der Vater von König Benjamin war und Mosia II, der Benjamins Sohn war. Irgendwann reiste dieser Mosia I vom Land Nephi zum Land Zarahemla und baute auf dem Weg sein eigenes Tabernakel. Mit Hilfe des Liahona findet Mosia I die Übersetzer, die vom letzten jareditischen Propheten versteckt worden waren. Sobald Mosia in Zarahemla ankommt, wird ihm „ein großer Stein gebracht, auf dem Gravierungen waren; und er übersetzte die Gravierungen durch die Gabe und Macht Gottes.” (Omni 1:20) Die Übersetzer werden nicht ausdrücklich erwähnt, aber Joseph Smith umschreibt auf die gleiche Art und Weise, wie er mit Hilfe der Sehersteine das Buch Mormon übersetzte. Nach diesem Zeitpunkt wird der Liahona nicht mehr befragt, vielleicht weil er von den Übersetzern „verdrängt” wurde.

Auch wenn wir die 116 Manuskriptseiten nicht mehr haben, lernen wir von Don Bradley, dass wir doch viel über ihren Inhalt aus dem Buch Mormon und anderen Quellen erfahren können. Die meisten Heiligen der Letzten Tage hoffen wohl wie Don, dass sie eines Tages wiedergefunden werden.

Berücksichtigen wir, wie viel Arbeit Mormon in die ursprünglichen Gravierungen steckte, ist er vielleicht derjenige, dem (von der anderen Seite des Schleiers aus) am meisten daran liegt, dass jemand früher oder später von den Nachrichten profitiert. Bis dahin jedoch helfen uns Forscher wie Don, die Lücken, die durch den Verlust entstanden, zu füllen.


Don Bradley

Don Bradley hat als Praktikant am Joseph-Smith-Papers-Projekt mitgearbeitet und macht gerade seinen Master in Geschichte an der Utah-State-Universität.

Er war der Primärforscher in der Reihe über die Polygamie von Joseph Smith von Brian C. Hales. Seine Forschungsergebnisse zu Joseph Smith und dem Thema Polygamie wurden von der John Whitmer Historical Association in The Persistence of Polygamy und über die Kinderhook-Platten in Laura Harris Haless A Reason for Faith veröffentlicht. Don ist Autor des 2019 erscheinenden Buches The Lost 116 Pages: Rediscovering the Book of Lehi. Er forscht weiter zu den verlorenen Seiten und freut sich über zusätzliche Informationen seiner Leser auf Englisch unter: [email protected].

Ein vollständiges Transkript des Interviews auf Englisch ist hier zu finden. Das originale Interview kann auf ldsmag.com gehört werden.

Der Beitrag wurde aus dem Englischen übersetzt. Er wurde ursprünglich am 30.1.18  auf ldsmag.com unter dem Titel „Are the Teachings on the 116 Pages Lost Forever?” veröffentlicht. Übersetzt von Kristina Vogt.

Wenn Sie mehr über die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen) wissen möchten, dann besuchen Sie einfach eine der offiziellen Webseiten der Kirche: mormon.org und lds.org.

Katholischer Professor: Das Buch Mormon ist ein Wunder

Bislang unveröffentlichter Bericht eines Zeugen des Buches Mormon

Chronologie des Buches Mormon Teil 1