Das letzte, was ich am Muttertag tun wollte, war zur Kirche zu gehen und zuzusehen, wie Kinder anderer Mütter unter Tränen ihren Müttern dafür danken, wie perfekt sie sind und dabei all ihre großartigen Eigenschaften in den Himmel loben. Ich wollte mich in diesen Momenten eher unter der Kirchenbank verstecken oder davonlaufen. Mir ist bewusst, dass das Problem nicht das ist, was gesagt wird. Es sind meine eigenen Gedanken, meine Selbstanklage. Um meinem Verhaltensmuster zu entkommen, musste ich meine Denkweise ändern und realistisch werden.

Leiden aufgrund unrealistischer Erwartungen

Eigentlich weiß ich, dass die Vorstellungen, die ich in meiner Jugend vom Muttersein hatte, unrealistisch sind. Trotzdem kauft mein Herz mir das manchmal nicht ab. Ein Teil von mir denkt dann an die Dinge, die ich, wäre ich besser gewesen, meinen Kindern hätte geben können und sollen:

– ein perfektes Zuhause, in dem jedes wahre Prinzip gelehrt und vorgelebt wird

– Eltern, die ein vollkommenes Beispiel an Tugend, Güte und gegenseitiger Liebe sind

– jeder Tag „gelebtes Evangelium” und beständige Freude im Evangelium

– Erfüllung jedes Bedürfnisses, was bewirkt, dass die Kinder von zu Hause gestärkt ausgehen, bereit, die Welt zu einem besseren Ort zu machen

Diese Vorstellung ist so unrealistisch, dass ich eigentlich darüber lachen möchte, wäre ich nicht so lange darauf hereingefallen. Viele Jahrzehnte lang jammerte ich jeden Muttertag darüber, wie groß der Unterschied zwischen meiner Vorstellung und der Realität war. Was ist der wahre Zweck des Menschseins und worin besteht die Verantwortung von Eltern?

Muttertag Mutter Tochter

Was ist Realität?

Was ich mir für meine Kinder unterbewusst wünschte war ein Zion, eine celestiale Erfahrung – aber ohne die Prüfungen, die dafür notwendig sind. Hatte ich das Gesetz der Gegensätze vergessen? Hatte ich vergessen, wie wichtig Widrigkeiten sind? In meiner Vorstellung sah ich etwas, das eher dem Garten Eden glich – alles war wunderschön und angenehm und wir wandelten und sprachen mit Gott.

In Wirklichkeit war es aber so, dass Adam und Eva aus dem Garten Eden vertrieben wurden und Eltern können diesen Garten Eden nicht hier auf Erden schaffen. Ihre Nachkommen – darunter auch ich und meine Kinder – leben in einer düsteren, trostlosen Welt, einer Welt, über die der Herr gesagt hat: „So ist verflucht der Ackerboden deinetwegen. Unter Mühsal wirst du von ihm essen alle Tage deines Lebens. Dornen und Disteln lässt er dir wachsen” (Genesis 3:17,18). Vor dem, was vom Ackerboden kommt, stand die Frucht vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse. Als ich die Schriftstelle noch einmal las, ging mir ein Licht auf.

Unser Erdenleben soll gar nicht einfach sein! Die Dornen und Disteln sind zu unserem Besten: Der Herr sagte, er verfluche den Ackerboden „unseretwegen”. Leid und Kummer gehören dazu. Als Eltern ist es nicht unsere Aufgabe, einen Ort zu schaffen, an dem die Kinder es bequem haben und nie irgendwelchen Herausforderungen ausgesetzt sind. Natürlich legen wir unseren Kindern nicht absichtlich Steine in den Weg. Aber wir können sicher sein, dass es welche geben wird. Auch wenn wir uns noch so sehr anstrengen, ihnen den Weg zu ebnen, werden unsere Kinder Prüfungen und Widrigkeiten erleben. Das ist der Plan Gottes.

Der Herr sagte: „Mein Volk muß in allem geprüft werden, damit es vorbereitet sei, die Herrlichkeit zu empfangen, die ich für es habe, nämlich die Herrlichkeit Zions; und wer Züchtigung nicht ertragen will, der ist meines Reiches nicht wert” (LuB 136:31). Wir müssen daran denken, dass uns in Bezug auf unsere Prüfungen und Züchtigungen gesagt wurde: „wisse, dass dies alles dir Erfahrung bringen und dir zum Guten dienen wird” (LuB 122:7).

Es ist unser Ziel, celestiale Charakterzüge zu entwickeln; celestiale Bedingungen sind allerdings in dieser telestialen Welt nicht möglich. Und denkt daran, dass die Erfahrungen hier dazu führen sollen, dass wir demütig auf die Knie sinken und erkennen, dass wir das Sühnopfer sowie ständige geistige Führung brauchen. Unsere Probleme und Prüfungen zeigen was uns fehlt, und was uns fehlt soll uns dazu bringen, eine engere Verbindung zum Herrn zu schaffen (vgl. Ether 12:27).

Das Zuhause, in das wir geboren werden, ist Teil des Planes Gottes

Wir müssen die Familie verteidigen!

Der Herr weiß im Voraus, was in dem Zuhause geschehen wird, in dem er ein Kind platziert. Die daraus resultierenden Herausforderungen sind von einem allwissenden Gott maßgeschneidert. Neal Maxwell sagte: „Die Wahrheit über Vorherordinierung hilft uns an der Weisheit Almas teilzuhaben, der sagt, dass wir mit dem zufrieden sein sollten, was der Herr uns zugeteilt hat (vgl. Alma 29:3-4). Wenn die Dinge, die uns zugewiesen werden, von Gott auf unsere Fähigkeit und unser Vermögen zugeschnitten sind, dann bedeutet ein Losreißen von jedem schulenden Umstand in der Sterblichkeit, dass wir uns von passenden Gelegenheiten losreißen. Es bedeutet, uns gegen göttliche Weisheit zu stellen, Weisheit, der wir möglicherweise einst beipflichteten, bevor wir hierher kamen, und der wir zustimmten.” (Neal A. Maxwell, Things As They Really Are, Deseret Book, Salt Lake City, 31)

Was diese Worte implizieren, ist atemberaubend. Es scheint, dass weniger vollkommene Eltern und selbst schwierige und herausfordernde Umstände ein fester Bestandteil dieser Bewährungszeit sind. Gott weiß genau was er tut, wenn er einem Kind ein bestimmtes Zuhause zuweist. Er macht niemals Fehler – diese Platzierung führt zu genau den Schwierigkeiten, die ein Individuum für seine bestimmte Persönlichkeit am meisten braucht – und um seine besondere Mission hier auf Erden zu erfüllen.

Oft ist es also nicht so, dass Kinder trotz schwieriger Umstände zu Hause Charakterstärke entwickeln und den Wunsch, so zu werden, wie der Herr sie haben möchte, sondern gerade deswegen. Wie viele Menschen kennt ihr, die gute Eigenschaften entwickelt haben, gerade weil sie Dinge anders tun wollten als ihre Eltern?

Was wir aus den Umständen machen, in die wir geboren werden, ist Teil unserer Prüfung

Ich kenne die Mutter einer großen Familie, die wunderbare Arbeit mit ihren Kindern leistet. Ihre Kinder haben strahlende Augen, sind kreativ und voller Leben. Sie selbst wurde vernachlässigt und von einer Mutter, die einfach nicht lieben konnte, missbraucht. Die Tochter ist entschlossen, das Gegenteil dieser Mutter zu sein. Sie ist nicht vollkommen. Ihre Probleme mit ihrer Mutter kommen manchmal durch und führen zu Herausforderungen mit den eigenen Kindern. Die unterschiedlichen Erziehungsstile sind jedoch auffallend.

Als ich auf Mission war, belehrte ich einen jungen Mann, dessen Eltern Alkoholiker waren und kein Interesse an Religion hatten. Er war jedoch entschlossen, ein suchtfreies Leben zu führen und sehnte sich danach, Gott kennenzulernen. Er schloss sich der Kirche an, ging auf Mission, heiratete im Tempel und ist, wie ich zuletzt hörte, mit seiner ganzen Familie im Evangelium aktiv.

Ich wuchs in einem liebevollen Zuhause auf, das teilweise dysfunktional war, weil wir lieber unsere Probleme unter den Teppich kehrten als über Gefühle und Probleme zu sprechen. Ich entwickelte eine Leidenschaft, meine Gefühle ehrlich kundzutun, Probleme zu klären, Beziehungen zu verstehen. Dies war für Vieles, was ich im Leben erreicht habe, der Antrieb.

Ein weiterer Gedanke über Gottes Erziehungsrichtlinien, den wir im Gedächtnis behalten sollten

Das Letzte, was ich erwähnen möchte, ist die grundlegende Anweisung, die der Herr Eltern gibt. Er sagt an keiner Stelle, es sei unsere Aufgabe, Kinder zu erziehen, die niemals Fehler machen und niemals Probleme haben. Nephi sagte: „Und wir reden von Christus, wir freuen uns über Christus, wir predigen von Christus, wir prophezeien von Christus, und wir schreiben gemäß unseren Prophezeiungen, damit unsere Kinder wissen mögen, von welcher Quelle sie Vergebung ihrer Sünden erhoffen können” (2. Nephi 25:26).

Es geht nicht um ein fehlerfreies Leben – nicht für uns und nicht für unsere Kinder! Das war der Plan Satans. Wir predigen nicht von Christus in der Hoffnung, dass unsere Kinder niemals eine Sünde begehen werden und niemals das Sühnopfer Christi brauchen werden. Wir haben als Eltern nicht jedes Mal versagt, wenn ein Kind einen Fehler begeht. Uns wird nahegelegt, über Christus zu sprechen, damit wir alle wissen, von welcher Quelle wir Vergebung unserer unvermeidbaren Sünden erhoffen können.

Und was nun?

Kann ich einmal tief durchatmen und akzeptieren, dass jegliche Herausforderung, die meine Kinder aufgrund ihrer Herkunft hatten, Teil ihres persönlichen Päckchens sind, so wie es meine waren? Und dass, als Gott uns die Entscheidungsfreiheit gab, er sehr wohl wusste, dass ich Fehler machen würde und sie Fehler machen würden? Ich erinnere mich an einen Priestertumssegen, den ich zum Zeitpunkt meiner Scheidung erhielt und am Jammern darüber war, was das Ganze für meine Kinder bedeuten würde. Darin hieß es in etwa: „Sie werden wachsen und lernen, durch diese Situation stärker zu werden, als sie es geworden wären, wenn sie in dem perfekten Zuhause aufgewachsen wären, das du dir wünschst.”

Warum vergesse ich das so oft? Warum lade ich mir die Last so oft auf meine eigenen Schultern? Der Herr lässt die Herausforderungen nicht nur zu. Er wusste, dass Dinge geschehen würden und hat sie uns zugewiesen.

Der Herr tröstet uns auch durch unsere Propheten in Bezug auf die Entscheidungen, die unsere Kinder treffen. „Der Prophet Joseph Smith hat verkündet – und nie hat er tröstlichere Lehre verkündet – dass die Siegelung glaubenstreuer Eltern für die Ewigkeit und die gottgegebenen Verheißungen, die ihnen für den standhaften Dienst in der Sache der Wahrheit gelten, nicht nur sie selbst erretten, sondern auch ihre Nachkommen. Manche der Schafe mögen abirren, aber der Blick des Hirten ruht auf ihnen, und früher oder später werden sie spüren, wie die Greifarme der göttlichen Vorsehung sie erfassen und sie in die Herde zurückziehen. Ob in diesem oder im künftigen Leben, sie werden zurückkehren. Sie werden der Gerechtigkeit ihre Schulden bezahlen müssen; sie werden für ihre Sünden leiden und viele gehen einen dornigen Weg, aber wenn er sie zuletzt, wie den verlorenen Sohn, der Reue empfand, zum Herzen und in die Obhut des liebenden und vergebungsbereiten Vaters zurückführt, wird die schmerzliche Erfahrung nicht vergebens gewesen sein. Betet für eure sorglosen und ungehorsamen Kinder; haltet sie mit eurem Glauben fest. Hört nicht auf, zu hoffen und zu vertrauen, bis ihr die Errettung durch Gott seht“ (Orson F. Whitney, in Conference Report, Apr. 1929, 110).

An diesem Muttertag möchte ich die Güte Gottes zelebrieren, die Güte, am Leben zu sein, die Güte, meine Kinder und Enkel zu haben. Trotz (oder gerade wegen?) der Schwierigkeiten durch Unzulänglichkeiten und weniger vollkommene Entscheidungen sind sie alle wunderbare Menschen. Sie entwickeln sich, machen Fortschritt und lernen aus ihren Herausforderungen und sogar ihren Fehlern. Sie sind viel schlauer und klüger als ich es in ihrem Alter war. Und von meinen Kindern habe ich die unglaublichsten Enkel, die eine Großmutter sich jemals wünschen könnte! Es gibt vieles, was ich feiern kann, und ich vermute, das geht euch auch so!

Alles Gute zum Muttertag


Darla Isackson

Darla Isackson sieht das Schreiben als Teil ihrer „himmlischen Mission”. Sie arbeitet bereits seit 40 Jahren als Autorin. Sie diente als Missionarin in der Kalifornien-Mission, wo sie ein Schulungshandbuch für Missionarinnen schrieb. Nach ihrer Mission heiratete sie und machte ihren Abschluss an der Utah State University. Sie hat bereits für die Kirchenmagazine geschrieben, war Koautor eines Buches, Redaktionsleiter des Latter-day- Woman-Magazins, Covenant Communications und Aspen Books. Sie hat fünf Söhne und momentan 17 Enkelkinder. Sie schreibt seit 2001 regelmäßig für Meridian Magazine. 2004 beging ihr ältester Sohn Selbstmord, was Darlas Leben für immer veränderte. Darla lebt mit ihrem Mann Doug in West Jordan, Utah.

Der Beitrag wurde aus dem Englischen übersetzt. Er wurde ursprünglich am 6.5.18  auf ldsmag.com unter dem Titel „Sweet Relief from Mother’s Day Blues” veröffentlicht. Die Autorin ist Darla Isackson. Übersetzt von Kristina Vogt.

Wenn Sie mehr über die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen) wissen möchten, dann besuchen Sie einfach eine der offiziellen Webseiten der Kirche: mormon.org und lds.org.

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