Eine Stunde lang war ich heute wütend. Wir hatten Pfahlkonferenz gehabt und verbrachten den restlichen Tag zu Hause. Eigentlich etwas Gutes. Aber zu einem bestimmten Zeitpunkt am Nachmittag fühlte ich mich überwältigend müde. Ich war ein paar Nächte hintereinander zu lange wach gewesen. Hatte mich übernommen. Die Kinder waren faul im Wohnzimmer und aßen. Ich schaute mir die Unordnung in unserem Haus an und war plötzlich wütend. Ich wollte nicht die Mutter sein. Ich wollte nicht „die Frau” des Hauses sein, wollte mir nicht Gedanken über das Abendessen machen müssen und nicht darüber nachdenken, wie faul alle nur Snacks aßen. Und der riesengroße Haufen Wäsche … Ich hatte keine Lust, mich um die Kleinen zu kümmern oder auch nur nett zu meinem Mann zu sein.

Ich hatte versucht mich hinzulegen, aber die Kinder waren so laut gewesen! Und als ich in die Küche kam, sah es aus, als ob eine Bombe eingeschlagen hätte. Eigentlich wäre ich gerne davongelaufen.

Unser erstes Aufeinandertreffen

In den letzten Monaten hatte ich mir viele Gedanken über etwas gemacht, das ich den „Fall der verbitterten Frau” nenne. Ich hatte sie in einem Restaurant gesehen. Sie war mit ihrem Mann und Kindern hereingekommen. Alle waren glücklich und ausgelassen – aber nicht die Frau. Ihre Lippen waren zusammengekniffen, ihr Blick kühl. Ihrem Mann zeigte sie nur die kalte Schulter. Auch die Versuche ihrer Kinder, sie aufzumuntern, scheiterten. Und die Kälte breitete sich aus. Der Mann beschäftigte sich ruhig mit den Kindern und am Ende saßen alle still und beklommen auf ihren Stühlen.

Familie dankt Gott für ihre Mahlzeit.

Ich kenne diese Frau nicht. Ich weiß nicht, was passiert war. Ich weiß nur, dass sie als Familie ins Restaurant gegangen waren. Und dass alle eine gute Zeit miteinander haben wollten.

Die verbitterte Frau in meinem Haus

Ich konnte in diesem Moment nicht wegsehen, weil sie mich so sehr an mich selbst erinnerte. Und das tat weh.

Ich dachte an einen Abend, an dem wir als Familie zusammen waren und spielten. Und es war so laut. Ich versuche, den Abwasch zu machen und den Tisch abzuwischen. Alleine. Ich bin müde. Und in diesem Moment schlägt mein Mann vor, Cookies zu essen – die ich backen soll. Ich, weise wie ich bin, schlage mit der Faust auf den Tisch und sage: „Sehe ich aus wie eure Sklavin?” Plötzlich sind alle still. Sie haben keinen Spaß mehr. Da war diese verbitterte Frau. Ich saß auch schon wütend im Auto, während alle versuchten, die Stimmung aufzulockern. Ich bekam einen Wutanfall, wenn niemand im Haushalt half. Ich bin aus dem Zimmer gestürmt. Und selbst wenn sich meine Familie dann anstrengte und entschuldigte, blieb ich trotzdem verbittert.

Die Familie der Frau in dem Restaurant hatte alles versucht, dass sich die Stimmung änderte. Das einzige, worüber die Frau Kontrolle hatte, war ihre eigene Stimmung. Und allem Anschein nach hätte sie eine schöne Zeit mit ihrer Familie verbringen können – oder eben wütend am Tisch sitzen können. Sie hatte die Wahl.

Ich sah die verbitterte Frau das nächste Mal am Flughafen. Neben uns saßen zwei Paare und warteten auf ihren Flug. Eine der Frauen sah aus wie die verbitterte Frau. Ihr Mann versuchte sie aufzumuntern, bot ihr an, ihr etwas zu essen oder trinken zu kaufen, oder etwas Süßes. Sie zischte ihm entgegen: „Alles ist in Ordnung!”

Während die drei anderen lachten und über den Urlaub sprachen, schmollte sie. Wenn ihr Mann sie ansprach, korrigierte sie ihn oder ignorierte ihn ganz. Sie tat es auf subtile Weise. Und man hatte den Eindruck, dass die beiden normalerweise ein glückliches Paar waren. Aber wegen irgendetwas war sie wütend – und sie hielt an diesem Gefühl fest. Jedenfalls schien es mir so.

Probleme in der Ehe überwinden.

Der Duden definiert „verbittert” folgendermaßen: „von [ständigem] Groll gegen das eigene, als allzu hart empfundene Schicksal oder gegen eine als ungerecht empfundene Behandlung erfüllt”. Das Wort „empfunden” sticht für mich in dieser Definition hervor.

Jemand, der verbittert ist, sieht nicht gut aus. Das Gesicht einer solchen Person ist nicht schön, es wirkt entstellt, kalt, abweisend.

Ich habe bemerkt, dass ich diese negativen Gefühle bekomme, wenn ich überarbeitet bin – woran ich meist selbst schuld bin. Lebe ich diese negativen Gefühle aber aus, fühle ich mich trotzdem nicht besser. Ich fühle mich verbittert. Manchmal fällt mir dann auf, was ich tue. Ich fühle mich dann gedemütigt und es tut mir leid, dass ich mich so habe gehen lassen, dass ich zugelassen habe, eine verbitterte Frau zu sein. Und trotzdem ist es oft schwer, keine solchen Gedanken zu hegen.

Wie schwer es sein kann, loszulassen

Statt davonzulaufen – wie ich es heute gerne getan hätte – habe ich meiner Familie heute vorgeschlagen, einen Ausflug zu machen. Wir gingen an einen Ort, an dem wir noch nie gewesen waren, und hatten als Familie Spaß. Und die Landschaft war atemberaubend schön. Ich versuchte, all die Arbeit, die zu Hause auf mich wartete, erst einmal zu vergessen, und es gelang mir, mich zu entspannen und den Tag zu genießen. Ich wollte ein paar Fotos von meiner Tochter machen, doch das gelang mir nicht auf Anhieb. Schließlich wurde sie ungeduldig. Dann wurde mein Mann Greg ungeduldig. Plötzlich war meine ganze Familie in dieser seltsamen Stimmung. Eigentlich alles keine großen Sachen. Aber ich hatte genug. Greg und meine Tochter redeten auf mich ein, entschuldigten sich und baten mich, zurückzukommen. Aber ich lief zum Auto und stieg ein. Also stiegen alle ins Auto ein und die Stimmung war gedrückt. Eigentlich waren die Jungs fröhlich am Spielen gewesen. Ich schaute niemanden an, nur aus dem Fenster. Wir fuhren los.

Jeder versuchte etwas anderes, um die Stimmung aufzuheitern. Aber ich saß stoisch in meinem Sitz. Schweigsam und gleichgültig. Tief in mir drin bewunderte ich den Sonnenuntergang. Die Landschaft um uns herum war so herrlich! So oft wollte ich Greg bitten anzuhalten, um ein paar Fotos zu machen. Aber stolz ich hielt an meiner schlechten Laune fest.

Als wir zu Hause ankamen, hatte ich endlich damit angefangen loszulassen. Ich fing an Pfannkuchen zuzubereiten. Emma kam zu mir und gab mir eine große Umarmung. Sie entschuldigte sich dafür, dass sie den Ausflug ruiniert hatte. Auch Greg kam zu mir. Er entschuldigte sich dafür, so ungeduldig mit mir gewesen zu sein. Und trotzdem fiel es mir schwer zu vergeben und zu vergessen. Wahrscheinlich sah mein Gesicht immer noch ein bisschen verbittert aus. Dann fiel mir der „Fall der verbitterten Frau” ein. Und mir fiel auf, dass die einzige, die keinen schönen Abend hatte, ich war. Die einzige, die den Ausflug ruiniert hatte, war ich gewesen. Die einzige, die sich ungerecht behandelt fühlte, war ich.

Es kommt immer einmal vor, dass jemand ungeduldig wird. Tue ich das nicht auch? Selbstverständlich bin ich manchmal frustriert und manches ist lästig. Kann ich vergeben? Kann ich vergessen? Je schneller es mir gelingt Dinge loszulassen, desto glücklicher kann ich sein.

Ich wünschte mir, ich hätte in der Situation mit den Fotos nur gelacht; dass ich einfach aufgehört hätte Fotos zu machen und stattdessen einfach mit den Jungs gespielt hätte.

So hätten wir auf unserem Heimweg anhalten und den wunderschönen Sonnenuntergang fotografieren können.

Ich wünschte, mir wäre der „Fall der verbitterten Frau” etwas früher eingefallen.

Das einzige, was mich davon abhält glücklich zu sein, bin ich selbst.

Alles, was ich brauche und immer haben wollte, liegt direkt vor mir.


Rindi Jacobsen

Rindi Jacobsen stammt aus einer Kleinstadt in Utah. Sie wuchs mit viel Sonne und einem Pool auf, mit Familie, die immer um sie herum war, Sport und viel Liebe. Sie lernte ihren Mann Greg während ihres Studiums an der BYU kennen. Rindi und Greg haben sechs Kinder. Rindi liebt ihre Kinder (und den Lärm, den sie machen), die Sonne, die durch die Fenster scheint und das Gefühl, ein Buch in der Hand zu halten (am liebsten am Strand – oder gemütlich im Bett).

Der Beitrag wurde aus dem Englischen übersetzt und angepasst. Er wurde ursprünglich am 15.2.18  auf ldsmag.com unter dem Titel „The Case of the Bitter Woman” veröffentlicht. Die Autorin ist Rindi Jacobsen. Übersetzt von Kristina Vogt.

Wenn Sie mehr über die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen) wissen möchten, dann besuchen Sie einfach eine der offiziellen Webseiten der Kirche: mormon.org und lds.org.