Ich sitze auf dem Sofa, nicht weit weg von Jesus. Er hat ein liebevolles Gesicht und trägt ein wallendes, rotes Gewand. Seine Geste erweckt den Eindruck, dass er an dem, was um ihn herum geschieht, interessiert ist. Er ist schön. Das fesselt meine Aufmerksamkeit, aber ich habe nicht den Wunsch, in Tränen auszubrechen oder mich ihm vor die Füße zu werfen und ihn um Gnade zu bitten. Ich habe nicht das Gefühl, ihn anbeten zu wollen, fühle meine Seele nicht durchflutet von Licht.

Das hängt damit zusammen, dass es nur eine Jesus-Statue ist. Auch wenn sie noch so großartig ist, ist es nur eine Darstellung der Auffassung eines Künstlers. Obwohl die Statue kunstvoll geschaffen wurde und Eigenschaften des Herrn darstellt – sie hat, wie er, lange Haare und trägt ein Gewand – lasse ich mich nicht täuschen. Diese Statue steht schon eine Weile auf dem Tisch und mir ist ohne Zweifel klar, dass das nicht der echte Herr ist.

Doch stellt sich mir folgende Frage: Verehren wir manchmal einen geringeren Gott, den wir uns ausdenken und vorstellen, wie der Künstler es tat? Gott kennenzulernen ist der Zweck unseres Lebens und Gott hat uns Wunderbares versprochen. Er sagte: „Sucht ihr mich, so findet ihr mich. Wenn ihr von ganzem Herzen nach mir fragt, lasse ich mich von euch finden…” (Jeremia 29: 13,14)

Wir können ihn kennenlernen – aber oft geben wir uns dabei mit falschen Vorstellungen davon, wie er ist, zufrieden. Wir erfinden ihn. Wir stellen ihn uns vor. Wir gestalten uns einen neuen Gott, statt herauszufinden, wer er wirklich ist. Vielleicht gefällt uns der Gott, den wir geschaffen haben, vielleicht haben wir Angst vor ihm – er wird aber immer geringer sein als der tatsächliche, lebendige Gott.

Der Autor und christliche Pastor Max Lucado spricht von drei falschen Vorstellungen, die wir von Gott haben, und ich werde eine vierte ergänzen.

Ein Flaschengeist

Ein Flaschengeist: praktisch, bequem. Brauchst du einen Parkplatz, ein Date, soll der Ball ins Tor oder ins Aus? Man muss nur an der Flasche reiben und – Simsalabim! – es gehört dir. Und das Beste: der Gott verschwindet wieder in der Flasche, wenn man ihn nicht mehr braucht.” Harry Emerson Fosdick sagte einmal: „Gott ist kein kosmischer Page, den wir mit einer Klingel herbeirufen können, damit er etwas für uns erledigt…” Er ist nicht der Weihnachtsmann, der unsere Wünsche erfüllt. Wir geben ihm unsere Wunschliste und es passiert. Wir müssen nichts dafür tun.

Wie gut, dass Gott das nicht ist. Wäre er so, hieße das, wir hätten die Kontrolle. Wir würden unser Leben und unsere Zukunft nach unseren eigenen spontanen Wünschen gestalten – aber: „kein Auge [hat] gesehen und kein Ohr gehört”, keinem Menschen ist in den Sinn gekommen, „das Große, das Gott denen bereitet hat, die ihn lieben.” (2. Korinther 2:9) Wir haben keinerlei Vorstellung davon, was der Herr für uns bereithält noch wie wir es bekommen werden.

Seien wir dankbar, dass Gott sich nicht durch unsere beschränkte Wahrnehmung einschränken lässt und dass wir nicht wie ein kleines Kind, das etwas Süßes möchte, mit dem Fuß auf den Boden stampfen können und ihn herumkommandieren. Überraschend ist jedoch, wie oft wir wütend auf Gott sind, weil er eben nicht unser persönlicher Flaschengeist ist und wir erwarten, dass er all unsere Probleme löst.

„Gott gibt es nicht”, sagt eine Studentin, „ich habe ihn um einen Ehemann gebeten, aber ich bin trotzdem noch Single.” Eine Hochschulabsolventin sagte: „Gott liebt mich nicht, er hat mir keine Arbeit gegeben.” So leicht verspotten wir Gott, jammern und betteln, schmollen oder drohen mit der Faust. Wenn wir versucht sind, so zu handeln, beschweren wir uns bei einem geringeren Gott – einem Flaschengeist, jemandem, der unserer Fantasie entsprang. Wir sind über unsere eigene Vorstellung davon, wie Gott sein sollte, aufgebracht.

Eine meiner Freundinnen litt an einer chronischen Krankheit, die ihr nachts den Schlaf raubte. Es war beinahe unerträglich für sie. Sie betete um Hilfe und erhielt eine verblüffende Antwort:

„Ich kann dir diese Bitte nicht gewähren, weil ich dir etwas gewähre, um das du lange vor dieser Welt gebeten hast.”

Ein netter Opa

„Ein weiches Herz. Weise. Gütig. Und sehr alt. Großväter sind großartig, wenn sie wach sind, aber sie tendieren dazu einzunicken, wenn man sie braucht.” Vielleicht stellen wir uns fälschlicherweise Gott als eine geringere Gottheit vor, die keine Erwartungen an uns stellt – aber was wäre das für ein beklagenswerter Gott.

C.S. Lewis sagte:

„Was uns wirklich zufrieden stellen würde wäre ein Gott, der zu allem, was wir zufälligerweise gerne tun: ‚Was macht es schon, so lange sie zufrieden sind?’ sagen würde. Wir wünschen uns tatsächlich oft keinen himmlischen Vater sondern einen himmlischen Großvater – senil, gütig, jemand, der, wie so oft gesagt wird „es gut findet, wenn sich die jungen Leute amüsieren” und dessen Zweck für das Universum darin bestand, dass am Ende des Tages gesagt werden kann, dass wir alle „eine gute Zeit” hatten…Ich würde gerne in solch einem Universum leben. Aber angesichts der Tatsache, dass es mehr als klar ist, dass dem nicht so ist, und weil ich trotzdem Gründe habe zu glauben, dass Gott Liebe ist, schließe ich daraus, dass ich meine Vorstellung von Liebe überarbeiten muss.”

„Ein netter Opa ist zu schwach, um unsere Lasten zu tragen” und ihm sind die Schwächen, die uns insgeheim verletzen, vielleicht gar nicht wichtig.

Lieben bedeutet nicht, dass wir uns durch unsere Schwächen weiterhin selbst verletzen – egal wie gerne wir sie mögen. Unserem Vater ist es wichtig, wer wir sind und wie wir uns entwickeln. Wie Dale G. Renlund sagte: „Die Antwort ist klar und deutlich. Als der gute Hirt betrachtet Jesus Christus Krankheit bei seinen Schafen als etwas, was Behandlung, Pflege und Mitgefühl bedarf. Dieser Hirt, unser guter Hirt, freut sich zu sehen, wie seine erkrankten Schafe langsam wieder genesen. Der Erretter sagte voraus, er werde ‚seine Herde zur Weide’ führen wie ein Hirt und ‚die verlorengegangenen  … suchen, die vertriebenen zurückbringen, die verletzten verbinden [und] die schwachen kräftigen’. Obgleich das abtrünnige Israel beschrieben wurde, als habe es ‚Beulen, Striemen und frische Wunden’, hat der Erretter zur Heilung ermuntert, Heilung gepredigt und Heilung verheißen.”

Gott sind unsere faulenden Wunden, die uns schließlich zerfressen würden, nicht egal.

Ein vielbeschäftigter Vater

„…fährt montags weg, kommt Samstags wieder. Viele Autoreisen und geschäftliche Treffen. Sonntag ist er aber da, also zieht euch ordentlich an und wirkt geistig gesinnt. Montag könnt ihr wieder sein wie immer – er erfährt es nicht.”

Diese falsche Vorstellung von Gott erweckt den Eindruck, dass es, da er Milliarden Kinder hat und für den einzelnen keine Zeit, schwierig sei oder gar unmöglich, seine Aufmerksamkeit zu bekommen. Viel zu vertieft, das Universum am Laufen zu halten – wie jeder vielbeschäftigte Geschäftsführer – hat er viel zu viel zu tun und eigentlich gar kein Interesse daran, Gebete zu beantworten. Er ist irgendwo an einem anderen Ort unserer Existenz und unsere gemurmelten Gebete kann er sowieso nicht hören.

Auch wenn wir uns nicht vorstellen können, wie das möglich ist, hat Gott eine innige Beziehung zu jedem von uns. In den Psalmen heißt es: „Herr, du hast mich erforscht und du kennst mich. Ob ich sitze oder stehe, du weißt von mir. Von fern erkennst du meine Gedanken. Ob ich gehe oder ruhe, es ist dir bekannt; du bist vertraut mit all meinen Wegen.” (Psalm 139:1-3)

Das ist kein lockerer, distanzierter Vater, der sich nicht sicher ist, wie du heißt. Sein Licht scheint in die stillen Kammern unserer Seele.

Hier ein Beispiel dafür, wie gut der Herr unser Herz kennt. Unsere Freundin Susan Catudal kommt aus England. Sie beschreibt, wie sie im Sommer 2004 ein CES-Symposium an der Brigham-Young-Universität besuchte und beschloss, zum Tempel in Salt Lake City zu fahren, um an einer Endowment-Session teilzunehmen. Sie war zum ersten Mal in dem Tempel und saß im celestialen Raum, als sie das Gefühl hatte, dass ein Tempelarbeiter sie anstarrte. Sie hatte ihn nie zuvor gesehen; nach ein paar Minuten kam er jedoch zu ihr herüber und sagte ihr, dass er das Gefühl gehabt hatte, mit ihr sprechen zu sollen. Sobald er ihren britischen Akzent hörte, fingen seine Augen an zu leuchten und er erzählte ihr, dass er vor einigen Jahrzehnten in den frühen 1960er Jahren als Missionar in der Nähe Londons gedient hatte. Er gestand, dass er das Gefühl habe, dass seine Mission nicht besonders erfolgreich gewesen sei, weil er nie jemanden getauft habe.

Er erinnerte sich allerdings noch an eine junge Familie – ein Ehepaar mit einem kleinen Kind – in der Umgebung von St. Albans; er wusste nicht, was aus ihnen geworden war.

Susan erwähnte, dass ihr ehemaliger Pfahlpräsident aus der Gegend um St. Albans kam und nannte seinen Namen. Der Mann war fassungslos. Das war die Familie, die er belehrt hatte!

Susan sagte: „Ich konnte ihm sagen, dass nicht nur der Vater als Pfahlpräsident gedient hatte, sondern auch sein Sohn – das Kind von damals. Ich habe nie erfahren, wie der Tempelarbeiter hieß, aber er sagte mir, dass er nach Hause gehen und in sein Tagebuch schreiben würde, dass seine Mission schließlich doch einen Unterschied gemacht hat.” (Und selbstverständlich war seine Mission sowieso bereits ein Erfolg gewesen, weil er sein Bestes gegeben hatte.)

Keine Ausnahme für Gottes Liebe

Vielleicht ist das nur etwas Kleines, aber bedenkt, wie wichtig es für den Mann war, der immer diesen Stachel im Herzen gehabt hatte, weil er dachte, dass seine Anstrengungen auf Mission vergebens gewesen seien.

Der Herr hatte ihn auch nach Jahrzehnten nicht vergessen und hatte ihn zu Susan geführt, die vielleicht weit und breit die einzige gewesen war, die ihm diese Information geben konnte.

Ein Polizist

…der nur darauf wartet, dass wir etwas falsch machen. Der über alles, was wir tun, sein Urteil fällt und eine Strafe auferlegt. Jemand, der uns auf frischer Tat ertappen möchte.

Es überrascht nicht, wenn Menschen vor so einem Gott davonlaufen. Statt Gott als jemanden anzusehen, der uns mit unvorstellbarer Liebe liebt, stellen wir uns diesen geringeren Gott vor, der uns fangen möchte, uns eine Falle stellt, uns verfolgt.

Zu solch einem Gott zu beten wäre wirklich schwer, weil nichts, was wir sagen, gut genug wäre und – was noch schlimmer wäre – wir nicht gut genug wären. Vielleicht wären andere gut genug, mit ihm zu sprechen, aber wir hätten die schleichende Vermutung, dass wir immer und ewig seiner nicht würdig wären.

Das Problem mit diesen falschen Göttern

Haben wir eine falsche Vorstellung von Gott, beeinflusst das unsere ganze Beziehung. Dieser Gott, vor dem wir jammern, vor dem wir weglaufen oder an den wir uns nur wenden, wenn wir unseren Schlüssel suchen, ist ein imaginärer Gott. Ein Gott, den wir uns ausgedacht haben und von dem wir enttäuscht werden, der uns im Regen stehen lässt und dem unser Wohl völlig egal ist.

Vielleicht ist der Grund dafür, dass wir Gott so falsch verstehen, dass wir unsere eigenen Unzulänglichkeiten auf ihn projizieren, wie ein Film auf eine Leinwand projiziert wird. Wir sehen uns selbst, nicht ihn, wenn wir diese Illusionen kreieren.

Und zurück zu dem Hauptzweck unseres Lebens. Es geht darum, ihn zu suchen und ihn – Zeile um Zeile – zu entdecken, diesen Vater, dessen Geist über uns mit Licht und Liebe leuchtet und der so ganz anders ist als der begrenzte Gott, den wir schaffen. Er ist kein begrenzter Gott, der keine Zeit für uns findet und dem es Spaß macht, uns abzuweisen.

Der tatsächliche Gott

Denkt an die Beschreibung in der Köstlichen Perle, als Gott zum ersten Mal Mose erschien. Mose musste entrückt werden, um seine Gegenwart ertragen zu können, und nach der Vision „dauerte [es] den Zeitraum vieler Stunden, ehe Mose wieder seine natürliche Kraft als Mensch erlangte.” (Mose 1:10)

Auf Gott zu treffen, der Zeit und Raum regiert, der sein Bündnis von Generation zu Generation einhält, in dessen Obhut alles ist, war für Mose so überwältigend, dass er keine Kraft mehr hatte.

Hier war ein jegliche Vorstellung übertreffend herrlicher Gott, der Mose „die Welt, auf der er geschaffen worden war [zeigte]; und Mose sah die Welt und ihre Enden sowie alle Menschenkinder, die es gibt und die erschaffen worden sind.” (Mose 1:8) Es überrascht nicht, dass Mose staunte.  

Der Herr hatte sich mit den Worten vorgestellt: „Siehe, ich bin der Herr, der Allmächtige Gott, und Endlos ist mein Name; denn ich bin ohne Anfang der Tage und ohne Ende der Jahre, und ist das nicht endlos?” (vgl. V. 3) und sagte dann zu Mose: „Und siehe, du bist mein Sohn.” (V. 4) Könnt ihr euch das vorstellen? Gott, dessen Herrlichkeit für uns unbegreiflich ist, beansprucht solch eine innige, persönliche Beziehung zu uns Menschen. Ich kenne dich nicht nur, sagt er, sondern du bist mein Sohn und was ich bin, ist dein Schicksal. Wir sind aus dem gleichen Material wie er. Mose, du hast die gleichen Eigenschaften, Emotionen, meinen Intellekt und Vernunft im Embryonalzustand.

Er ist herrlicher und persönlicher als wir verstehen können. Sein Charakter und sein Wesen sind Realität – die beste Nachricht in Zeit und Raum.

Ertappe dich selbst dabei, wenn du beginnst, einen Gott zu verehren, den du selbst geschaffen hast. Du erkennst es ganz einfach daran, weil diese Art von Beziehung nicht befriedigend ist. Eine Beziehung zu dem wahren Gott des Himmels bringt dir Licht, Entfaltung und ein wunderbares, so nötiges Gefühl an Sicherheit. Er sagt. „Mein Name ist Jehova, und ich weiß das Ende von Anfang an; darum wird meine Hand über dir sein.” (Abraham 2:8) Ein Götze kann keine solchen Versprechen machen.


Maurine Jensen Proctor

Maurine Jensen Proctor ist Mitbegründerin und Chefredakteurin des Meridian Magazine. Sie ist Autorin verschiedener Bücher, Filme und Fernsehserien. Zusammen mit ihrem Mann Scott hat sie verschiedene fotografische Bücher geschrieben. 15 Jahre lang schrieb sie die Texte für die Sendung „Music and the Spoken Word” mit dem Mormon Tabernacle Choir. Maurine hat 11 Kinder und 17 Enkelkinder.

Der Beitrag wurde aus dem Englischen übersetzt. Er wurde ursprünglich am 25.1.18  auf ldsmag.com unter dem Titel „Four Fallacies that can Distance Us from God” veröffentlicht. Die Autorin ist Maurine Proctor. Übersetzt von Kristina Vogt.

Wenn Sie mehr über die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen) wissen möchten, dann besuchen Sie einfach eine der offiziellen Webseiten der Kirche: mormon.org und lds.org.

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