Hugh B. Brown diente als Apostel und später als Mitglied der Ersten Präsidentschaft der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage. Davor arbeitete er für kurze Zeit als Professor für Religion an der Brigham Young University. Dort erhielt er einen Brief von einem engen Freund, der eine so genannte „Glaubenskrise” erlebte. Der Rat, den er vor fast siebzig Jahren gab, ist nie veröffentlicht worden, aber er ist für uns heute noch relevant, da wir alle von Zeit zu Zeit darum kämpfen, „den Glauben zu bewahren”.

 

  1. November 1946

 

Liebe/r –,

ich war wirklich froh, deinen Brief vom 25. Oktober zu bekommen, und ich weiß dein Vertrauen zu schätzen. Die Enthüllung deiner mentalen und geistigen Kämpfe kommt nicht überraschend, denn ich hatte schon seit einiger Zeit das Gefühl, dass das Wasser deiner normalerweise ruhigen Seele ein wenig aufgewühlt und beunruhigt war.

Wärst du überrascht, wenn ich dir sagen würde, dass auch ich Zeiten der Ratlosigkeit, Unsicherheit und des Zweifels hatte? Dass auch ich die Dunkelheit, den Nebel und die Kälte des Tales zwischen erleuchteten Gipfeln des Glaubens und des Vertrauens erfahren habe, und dass nur die Erinnerung an die Berggipfel entlang des Weges, über den ich gekommen bin, verbunden mit der etwas nebligen Vision der anderen, die noch vor mir liegen, mir den Mut gegeben hat weiterzumachen, als ich versucht war, „alles aufzugeben”, mich in die bequeme Decke aus Zweifel und Selbstmitleid zu wickeln und einfach das Feld zu verlassen? Nun, ich habe diese Erfahrung gemacht. Aber ich kann mit Sicherheit sagen, dass jeder Gipfel, den ich bestiegen habe, höher und inspirierender schien als der letzte, was zumindest teilweise auf den dunklen Hintergrund des Tals zurückzuführen ist, durch das ich gekommen bin. Starke Kontraste sind manchmal sehr aufschlussreich.

Über Täler und Berge

In Anbetracht des obigen Eingeständnisses wirst du kein Gerede oder einen Brief über den Glauben an Gott und die Unsterblichkeit erwarten. Jedoch hoffe ich, dass es so sein wird, dass das Erzählen einiger persönlicher Erfahrungen und Beobachtungen dir Mitgefühl, Trost, Mut, Hoffnung und Glauben geben und in dir den Geist des Abenteuers, der Lust an der Suche nach der Wahrheit erneuern kann.

Ich habe festgestellt, dass Zeiten des Zweifels und der Skepsis, der negativen Reaktionen und des Unglaubens immer durch Dunkelheit, Gefühlskälte, Kleinlichkeit, Zynismus und allgemeines Elend gekennzeichnet sind, sogar bis zu einem Punkt, an dem man sich das Vergessen wünscht.

Dagegen waren Zeiten des Glaubens, der Hoffnung und der positiven Reaktionen Zeiten des Aufschwungs und der Fröhlichkeit, gefüllt mit dem Wunsch zu sein und zu werden, zu heben und zu ermutigen und mit Zuversicht auf etwas zu deuten, das noch bevorsteht. Hier hatte das Leben Rhythmus, Schwung, Freude und Wert, und ich schätzte den Gedanken, dass ich diese Vorteile, Freuden und Möglichkeiten an meine Kinder weitergeben konnte.

Vom egoistischen Standpunkt der persönlichen Befriedigung aus gesehen, habe ich mich entschieden, im klaren, kühlen Strom des Glaubens zu schwimmen, anstatt mich im trüben, nervenaufreibenden, stagnierenden Sumpf des Zweifels und Zynismus zu suhlen. Mit anderen Worten, der Glaube zahlt sich aus, wenn wir weitermachen.

Ich mag Fosdicks Definition des Glaubens: „Glaube ist die Vision zu sehen, was man noch nicht beweisen kann, und der Mut, auf der Grundlage dieser Einsicht zu handeln.”

Manchmal musste ich mich selbst an die Hand nehmen und meinen Knien befehlen, sich zu beugen, meinem Kopf, sich zu neigen, und meinem Geist, zerknirscht zu sein. Aber davon bezeuge ich, dass ich auf den Knien weitere Blickwinkel erblickt habe, als stehend. Irgendwie hat das Beugen der Knie die Fenster der Seele geöffnet und die Linse des Glaubens in den Fokus gerückt.

Viele vor dir und mir haben sich gefragt, ob das Beten nicht nur ein Selbstgespräch ist und seine einzige Antwort das Echo seines Klangs. Auf der anderen Seite war das Gebet jedoch ein wesentliches Prinzip – der zentrale Glaube von Millionen von edlen Männern und Frauen. Die Tatsache, dass es sich um eine jahrhundertelange Begeisterung handelt, beweist ihren Wert – sie hält an. Es ist wiederkehrend wie der Sonnenaufgang. Es ist weder eine private Laune, noch ist es bloßes Wunschdenken oder sind es Rationalisierungen. Durch meine eigenen Erfahrungen habe ich die Überzeugung gewonnen, dass das Gebet eine Kameradschaft mit Gott ist; in der Tat bezweifle ich, dass ich einige kürzliche Erfahrungen hätte ertragen können, wenn ich diese Zuflucht nicht gehabt hätte.

Ob es tatsächlich einen Gott gibt, werde ich nicht erörtern. Aber ich, wie du, habe mich umgesehen und die unzähligen Beweise für Plan, Zweck und Fügung gesehen und mich selbst dafür zurechtgewiesen, dass ich die Existenz eines Schöpfers bezweifelte.

Mir wurde gesagt, und es scheint genügend Beweise dafür zu geben, dass Materie unzerstörbar ist, dass sie ewig ist. Wenn mir als Jugendlicher von meinem Lehrer in der Schule gesagt worden wäre, dass der Schreibtisch, auf dem ich schreibe, unzerstörbar ist, und ich dann, als das Schulhaus brannte, die spöttische Asche gesehen hätte, wo mein Schreibtisch gewesen war, hätte ich zweifellos das Vertrauen in meinen Lehrer verloren. Offensichtlich, und vor mir, war der Beweis für seine Torheit. Aber später in der High School und an der Universität, wo ich im Labor lernte, wie man die Gase, Öle und Asche, die bei der Verbrennung von Holz entstehen, auffängt und wiegt, stellte ich fest, dass der Verbrennungsprozess in Wirklichkeit nichts zerstört hatte und dass meine jugendliche Skepsis nur ein Beweis für die engen Grenzen meines Wissens war. Von da an ließ mich die Demut zögern, bevor ich die Wahrheiten in Frage stellte, die Zeugen der Forschung und Beobachtung festgestellt hatten. Meine suchende Seele fragt immer noch, aber meine Fragen hatten mit Mitteln und Wegen zu tun, um die Wahrheit zu entschlüsseln und zu verstehen und die Beziehung zwischen Beobachtung und Intuition, zwischen Wissen und Glauben zu finden.

Hugh B Brown Zitat Zweifel

Es gibt viele Dinge, die ich nicht erklären kann, es gibt viele Dinge, die ich nicht verstehe, aber von dieser einen Sache bin ich überzeugt, dass Gott lebt, dass der Tod meine bewusste Existenz nicht beenden wird. Ich kann mich nicht dazu bringen zu glauben, dass mein Schreibtisch, obwohl er nur unbelebte Materie ist, unzerstörbar ist, dass jedoch das viel Wertvollere, ja das Wertvollste, was ich kenne, die menschliche Persönlichkeit und Liebe, nur vergänglich und vorübergehend ist, zerstört wird und zu einem Ende kommen muss, wenn ich aufhöre, physisch auf meine Umgebung in dieser Welt zu reagieren.

Die kleine Logik, die ich beherrsche, das kleine Wissen, das ich gewonnen habe, verbietet es mir, die Hypothese zu akzeptieren, dass die Individuen völlig ausgelöscht werden.

Warum Gott sich mir nicht nähert oder mir ermöglicht, ihm näher zu kommen, damit ich ihn durch meine physischen Sinne erfassen kann, weiß ich nicht. Aber das weiß ich, er hat meinen Geist so sensibilisiert, dass ich empfänglich bin und reagiere, wenn bestimmte Impulse von Ihm ausgehen.

Ich nehme an, wenn das ungeborene Kind sprechen könnte, würde es bei der Aussicht auf die Geburt rebellieren; es würde sagen: „Ich kann nicht leben, wenn du mich aus meiner gegenwärtigen Umgebung in der Nähe des Herzens meiner Mutter herausholst. Mein Leben ist so definitiv ein Teil ihres Lebens, dass ich, wenn du uns trennst, sicher sterben und aufhören werde zu sein.” Und doch befindet sich das Baby, wenn es geboren wird, in einer Umgebung, die seinen unentwickelten Organen und Funktionen entspricht. Es stellt fest, dass jemand für sein Kommen gesorgt hat, dass es Wasser und Nahrung und Luft gibt, um seinen Magen und seine Lungen zu befriedigen, die zwar vorhanden waren, aber in seinem vorgeburtlichen Zustand nicht gebraucht wurden.

Ich frage mich, ob wir, wenn wir sterben, tatsächlich in eine andere Sphäre hineingeboren werden. Persönlich bin ich sehr zufrieden damit, das Ergebnis dem gleichen guten Gott zu überlassen, der für mein Kommen hierher gesorgt hat, und persönlich glaube ich, dass ich bestimmte geistliche Organe habe, die nur dann voll funktionieren, wenn ich in eine Umgebung geboren werde, die für sie geeignet ist.

Gut, dieser Brief ist schon viel zu lang. Ich habe am Anfang versprochen, dass ich nicht erörtern werde, und doch fürchte ich, dass ich zumindest an den Rand der Erörterung geraten bin. Ich möchte, dass du weißt, mein lieber Sohn und Bruder, dass ich mich intensiv für deine Zukunft interessiere. Ich glaube, dass die brutalen Angriffe, die auf deinen Glauben, auf deine Urteilskraft, auf die Hoffnung, die du in der Vergangenheit hattest, ein Test sind. Ich glaube fest daran, dass du eine ungewöhnliche Zukunft hast und dass der Widersacher, und ich glaube, es gibt einen Widersacher, wegen deiner Möglichkeiten einen entschlossenen Angriff gegen dich ausübt. Ich kenne dich zu gut, um zu glauben, dass du aufgeben und das Feld verlassen wirst, während der Angriff andauert. Ich rate dir, in deinen Gesprächen mit anderen eine positive Haltung einzunehmen, dich zu verpflichten, sie von der Realität der Dinge zu überzeugen, an die du geglaubt hast, dass du nach Beweisen suchst, um diesen Glauben zu unterstützen, und ich denke, du wirst überrascht sein, dass es weit mehr Beweise für den Glauben gibt, als man zur Unterstützung der negativen Seite heranziehen kann.

Ich freue mich auf die Zeit, wenn wir uns wieder besuchen können, und hoffe, dass es möglich sein wird, dass wir uns oft treffen, denn ich habe deine Kameradschaft und Gesellschaft in der Vergangenheit geschätzt. Ich sende Liebe and deine Frau und dein Baby und dich. Möge Gott dich segnen, durch den Nebel zu sehen und den Sonnenschein zu erblicken.

Von ganzem Herzen dein Freund und Bruder,

Hugh B. Brown

 


Eine Notiz von Steve Densley jr. über die Herkunft: Ich habe diesen Brief von meiner Großmutter erhalten. Sie war Hugh B. Browns Sekretärin, als er Professor an der BYU war. Sie wurde gebeten, den Brief zu transkribieren und an den ursprünglichen Empfänger zu senden. Sie liebte den Brief so sehr, dass sie fragte, ob sie auch eine Kopie für sich selbst machen könne. Hugh B. Brown stimmte zu, dass sie eine Kopie unter der Bedingung behalten darf, dass der Name der Person entfernt wird. Eine gescannte Kopie dieses Briefes finden Sie hier unter dem folgenden Link. Leser werden sehen, dass es nach der Unterschriftenzeile darauf hinweist, dass es von ‚mld’ transkribiert wurde, was für Mary Lou Dixon steht, den Mädchennamen meiner Großmutter, Mary Lou Taylor. Leser werden auch sehen, dass es auf der ersten Seite handschriftliche Angaben gibt. Diese stammen von meiner Großmutter. Da steht: „Verlorener Glaube an Gott Unsterblichkeit und bereit, alles aufzugeben.” In diesem Artikel wurden kleinere Korrekturen vorgenommen, um die Lesbarkeit zu verbessern.

Download des Originalbriefes

Download der eidesstattlichen Erklärung von Mary Lou Taylor

Dieser Beitrag wurde aus dem Englischen übersetzt. Er wurde ursprünglich auf mormonhub.com unter dem Titel „Never-Before-Seen Letter on Doubt By Hugh B. Brown” veröffentlicht. Der Autor ist Steve Densley, Jr.. Übersetzt von Janine Windhausen.

Wenn Sie mehr über die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen) wissen möchten, dann besuchen Sie einfach eine der offiziellen Webseiten der Kirche: mormon.org und lds.org.