Im allgemeinen Wortschatz hat das Wort „Sekte” in den letzten Jahrzehnten eine Bedeutung erhalten, die Bilder von feurigen Führern und fanatischen Anhängern heraufbeschwört; sie geben sich religiösen Exzessen jeglicher Form hin, die oft mit dem Tod enden. Wenn wir „Sekte” hören, denken wir an brennende Gelände in Texas, Massenmorde in der „Familie” von Charles Manson und Selbstmorde von Marshall Applewhites Anhängern von Heaven’s Gate. Generell werden Sekten als grotesk, isoliert, regierungsfeindlich, fundamentalistisch, beherrschend und am Rande der Gesellschaft betrachtet.

Soziologen nutzten den Begriff  „Sekte”, um eine kleine und andersartige religiöse Bewegung zu beschreiben, wie die Amischen oder Mennoniten. Aber seitdem wurde der Begriff so politisiert, dass sie den Gebrauch davon in akademischen Reden generell vermeiden. Der Begriff an sich erweckt solch negative Assoziationen, dass er zu einer Beleidigung wurde; eine damit betitelte Gruppe wird entehrt und in Verruf gebracht. Es ist also keine Überraschung, dass Mormonen es als besonders ärgerlich empfinden, mit dem Wort „Sekte” etikettiert zu werden – vielleicht sogar ärgerlicher als jedes andere erdenkliche Etikett. Zum Glück bemerken die meisten Menschen, die Umgang mit Mormonen haben und mit dem Glauben der HLT vertrauter werden schnell, dass der Spitzname „Sekte” unangemessen und unfair ist.

Sind die Mormonen eine Sekte?

Trotz alledem haben viele andere, von BBC bis hin zu Real Time mit Bill Maher, den Mormonen diesen zweckdienlichen (und aus politischer Sicht gerissenen) Beinamen angedichtet. Der Ausruf „Sekte” hat seit der Wahl Mitt Romneys zum Präsidentschaftskandidaten in manchen Vierteln zugenommen.

Die folgenden sieben Gründe weisen auf, warum gerade Mormonen keiner Sekte angehören:

INTEGRATION

Erstens: Mormonen glauben an Integration. Sie haben nicht nur die religiöse Auflage, sich unter die Menschen der Welt zu mischen, sie scheinen die Möglichkeit dazu sogar wertzuschätzen. Sie besuchen öffentliche Schulen, arbeiten in öffentlichen Unternehmen und werden dazu ermutigt, sich in ihren Gemeinden zu engagieren. „Ich kenne Sekten. Ich habe sie studiert und lange Zeit über sie unterrichtet”, sagt Richard Mouw, Präsident des Fuller Theological Seminars, einer evangelischen Schule in Pasadena, Kalifornien. „Religiöse Sekten haben dieses Wir-gegen-alle-Denken. Ihren Anhängern wird beigebracht, dass sie die einzigen sind, denen göttliche Anerkennung zuteil wird. Sie führen nicht gern ernsthafte, respektvolle Dialoge auf dem Grundsatz des Gebens und Nehmens, aber Mormonen schon”, sagt Mouws.

Sicher gibt es Mormonen, die sich lieber isolieren aufgrund von verschiedenen sozialen Umständen, aber das ist das Gegenteil von dem Rat, der von einem Präsidenten der Kirche erteilt wurde:

Wir dürfen nicht unhöflich werden, wenn wir über unterschiedliche Lehren sprechen. Da ist kein Platz für Bitterkeit. . . . .Wir können andere Religionen respektieren und müssen es auch tun. Wir müssen anerkennen, wieviel Gutes sie vollbringen. Wir müssen unsere Kinder lehren, denen, die nicht unseres Glaubens sind, tolerant und freundlich zu begegnen.” Das klingt nicht wie die Predigt eines Sektenführers.

WELTLICHES WISSEN

Zweitens: Die Religion der Mormonen fordert ihre Anhänger dazu auf, ausgeglichen zu bleiben, indem sie sich weltliches Wissen aneignen. Mormonen studieren Anthropologie, Physik, Musik und Tanz, Evolutionäre Biologie, Astronomie, Psychologie, Quantenmechanik und eine Schar anderer Felder in der freien Kunst und Wissenschaft. Sie erhalten mehr Doktortitel oder Vergleichbares pro Kopf als der Rest der Bevölkerung. Und komischerweise: Je höher sie ausgebildet sind, desto überzeugter und aktiver werden sie in ihrem Glauben. Es zeigt den Enthusiasmus, den Mormonen für das Entdecken von Wahrheiten haben, auch in anderen intellektuellen Fachgebieten.

Das Kollegium der Zwölf Apostel der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage -- Führerschaft einer Sekte?

Das Kollegium der Zwölf Apostel: Sie sind das geistige Führungsgremium einer Kirche mit 16 Millionen Menschen weltweit. Als weltfremd kann man sie nicht bezeichnen. Unter ihnen finden sich frühere Rechtsanwälte, Ärzte, Geschäftsführer von großen Unternehmen und Universitätspräsidenten. Ihre Bildung erhielten sie an einigen der besten Universitäten der Welt.

Sekten „…fördern nicht die Art von Wissenschaften, die mit anderen daran arbeiten, die Wahrheit zu entdecken”, sagt Mouw. Unter den Mormonen gibt es viele „Professoren, die ihr Doktorat an einer der besten Universitäten der Welt erworben haben. Viele Führer der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage haben Doktortitel von Eliteuniversitäten.” Er sagt weiter: „Diese Leute sprechen mit Bewunderung über den evangelischen Billy Graham und die katholische Mutter Teresa. Sie genießen es, Werke von dem Evangelisten C.S. Lewis und dem Katholiken Henri Nouwen zu lesen. So einem Verhalten begegnet man nicht in antichristlichen Sekten.”

15,8 MILLIONEN MITGLIEDER

Drittens: Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage hat 15,8 Milionen Mitglieder in über 150 Ländern. Also gibt es weltweit zehntausende ethnisch und kulturell diverse Gemeinden. Religiöse Gelehrte beraten sich heutzutage darüber, ob der Mormonismus als Weltreligion angesehen werden sollte, nicht ob es eine engstirnige Kuriosität ist.

POLITISCHE NEUTRALITÄT

Viertens: Der Glaube der Mormonen behält eine politisch neutrale Haltung bei. Als Folge davon sind Mormonen oft sehr unterschiedlicher politischer Meinung. Es gibt konservative Mormonen, moderate Mormonen und progressive Mormonen; manche stimmten für den Republikaner Mitt Romney und andere für den Demokraten Harry Reid. Während amerikanische Mormonen oft konservativ sind, sind europäische Mormonen oft stolze Sozialisten und zeigen auf, dass sie die Mentalität „seines Bruders Hüter” zu sein, ganz natürlich in ihre politische Ideologie einbinden.

Zu weltoffen für eine Sekte?

Kämpften während den Präsidentschaftswahlen 2012 auf gegenüberliegenden Fronten: der demokratische Fraktionsvorsitzende Harry Reid und der Präsidentschaftskandidat der Republikaner Mitt Romney. Beide sind Mormonen.

ÜBERPRÜFUNG DER MACHTVERTEILUNG

Fünftens: Die organisatorische Struktur der Mormonen überprüft sorgfältig die Machtverteilung ihrer Führer, um vor Missbrauch von Macht zu schützen. „Traurige Erfahrung hat uns gelehrt: Fast jedermann neigt von Natur aus dazu, sogleich mit dem Ausüben ungerechter Herrschaft anzufangen, sobald er meint, ein wenig Vollmacht erhalten zu haben”, so sagt Joseph Smith. Als Reaktion zu dieser egoistischen Tendenz haben die Mormonen die traditionelle Bedeutung des Wortes „Priestertum” verfeinert: Es bedeutet, dass das Priestertum dazu da ist, als dienstbereites oder kooperatives Paradigma genutzt zu werden. Tatsächlich ist das Wort „Führung” eine nicht besonders genaue Beschreibung, um das Priestertum der Mormonen zu definieren. Von den Mitgliedern der Gemeinde werden Bischöfe berufen und die meisten Bischöfe, die ich kenne, haben ihre Berufung zu Dienen mit einem gewissen Maß an Schrecken und Bangnis angenommen. Es gibt keine besondere Ehre für den Bischof und sie arbeiten ehrenamtlich und unentgeltlich. Viel Verantwortung und stundenlange, freiwillige Arbeit sind ein großer Teil ihres Dienstes.

Es gibt keine Möglichkeit, sich auf Führungspositionen in der Kirche zu bewerben. Führer werden also auch nicht wegen ihres Charismas gewählt oder ihrer außergewöhnlich hohen Beitragszahlungen. Trotz alledem gibt es Einzelfälle, in denen ein Mitglied seine Position missbraucht, und es wirkt sich negativ auf die Mitglieder und die Kirche aus. Es ist nicht einfach, es völlig auszuschließen, dass jemand sich falsch verhält, aber diese Tatsache an sich macht die Kirche nicht zu einer Sekte.

RECHTSSTAATLICHKEIT

Sechstens: Mormonen glauben an den Rechtsstaat. Ihr zwölfter Glaubensartikel besagt:

Wir glauben, dass es recht ist, Königen, Präsidenten, Herrschern und Obrigkeiten untertan zu sein und dem Gesetz zu gehorchen, es zu achten und für es einzutreten.” Die Glaubensartikel besagen auch, dass wir anbeten wie es uns das eigene Gewissen gebietet, und gestehen allen Menschen das gleiche Recht zu, mögen sie verehren, wie oder wo oder was sie wollen.” Eines der deutlichsten Merkmale für eine Sekte ist, dass sie staatliche Autorität voll und ganz ablehnt, wohingegen Mormonen generell eher vorsichtig – vielleicht sogar streng – sind, wenn es um Regel-Einhaltung geht.

RELIGIÖSE KLEIDUNG UND SYMBOLE

Der siebte und letzte Punkt ist, dass Mormonen wirklich nicht so eigenartig sind, wie sie auf den ersten Blick scheinen. Es wurde viel über ihre geheime magische Unterwäsche und geheimen Tempelrituale gesprochen. Dabei ist das Tragen von religiösen Symbolen, zur Erinnerung der eigenen Verpflichtung, etwas ganz Normales in allen Glaubensrichtungen. Die Juden tragen die Jarmulka und die Christen tragen Kreuze als Halsschmuck. Das Garment der Mormonen ist im Grunde das Gleiche: eine einfache Erinnerung daran, dass sie sich Gott ergeben. Und nebenbei bemerkt: Mormonen selbst bezeichnen das Garment nicht als „magisch”. Es „magische Unterwäsche” zu nennen klingt für sie genauso lächerlich wie für andere. Nun zu der Annahme, dass die Tempelzeremonie ein großes Geheimnis ist: Die ganze Welt hat genauso Zugriff auf die gleichen Bücher über den Tempel wie die Mormonen. Tatsächlich hat jeder Nicht-Mormone, der „Tempel und Kosmos” von Hugh Nibley oder „Heilige Symbole” von Alonzo Gaskill gelesen hat, wahrscheinlich mehr Einblick in die Symbolik des Tempels als so mancher Mormone.

Die Tempelzeremonien der Mormonen beinhalten tausende von Jahren alte Symbole, sodass es neunzehn-, zwanzigjährigen Mormonen, die das erste Mal durch den Tempel gehen, befremdlich erscheinen mag. Sie sind von der umfangreichen symbolischen Liturgie beeindruckt, welche auf den ersten Blick wenig Relevanz in ihrer alltäglichen Gottesverehrung hat. Aber wenn man hinter das Altertümliche und Unbekannte blickt, entdeckt man, dass der Tempel ganz einfach und elegant immer wieder auf ein Thema hinweist: Jesus Christus und sein Sühnopfer.  Die rituelle Peripherie im Mormonismus, die dazu führt, dass Leute denken, die Mormonen seien eine Sekte, ist nebensächlich im Vergleich zur Christus-Symbolik. Dieser Glaubenskern wird von Protestanten und Katholiken geteilt. Der Gründer des Mormonismus hat es gut erklärt: „Die wesentlichen Grundsätze unserer Religion”, sagt er „sind…Jesus Christus, dass er gestorben ist, begraben wurde und am dritten Tag wieder auferstanden und dann in den Himmel aufgefahren ist; und alles andere, was mit unserer Religion zu tun hat, ist nur eine Beigabe dazu.”


James T. Summerhays ist ein Editor der BYU Studies Quarterly.

Der Beitrag wurde aus dem Englischen übersetzt und am 12. Oktober 2012 auf www.ldsmag.com veröffentlicht. Der Autor ist James T. Summerhays. Übersetzt von Maren Leit.

Wenn Sie mehr über die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen) wissen möchten, dann besuchen Sie einfach eine der offiziellen Webseiten der Kirche: mormon.org und lds.org.