Als Mitglieder der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage in Europa fühlen wir uns häufig in der Minderheit. Eine starke Gemeinde zu haben, in der man sich wohlfühlt und sich einbringen kann, ist von großem Wert. Oft finden wir lebenslange Freunde auch in Nachbargemeinden. Wenn wir an Regionen der Welt denken, wo Heilige der Letzten Tage in weniger als 20 Minuten zu Fuß gleich mehrere Gemeindehäuser erreichen, denken wir nicht gerade an den deutschsprachigen Raum. Und doch können wir sehr dankbar sein, selbst in unserer Region vergleichsweise viel Unterstützung zu haben. Ich habe mich mal auf die Suche nach den abgelegensten HLT-Gemeinden der Welt gemacht und habe dabei Demut und Dankbarkeit gelernt. Wie gesegnet wir doch sind, unsere Freunde in den Nachbargemeinden schon in 30-40 Minuten besuchen zu können, anstatt erst nach einer mehrtägigen Busreise.

Zweig Yellowknife in Kanada

Wenn der örtliche Präsident des Pfahles Edmonton Alberta Nord die Mitglieder des Zweiges Yellowknife im Nordwest-Territorium Kanadas besuchen möchte, dann hat er zwei Möglichkeiten zur Auswahl: Er kann einen 6-stündigen Flug von High Level aus für etwa 900 Euro buchen oder 8 Stunden mit dem Auto durch eine Schneewüste fahren. Erwähnt sei dabei noch, dass selbst die Gemeinde in High Level über 300 km nördlich von den anderen Gemeinden des Pfahles liegt. Wie auch immer er sich entscheidet, ungefähr so würde es aussehen, würde er mit dem Auto fahren: Acht Stunden Autofahrt durch das Schneetreiben im 4-Minuten-Schnelldurchlauf.

 

Zweig Lerwick auf den Shetland Inseln

Der Zweig Lerwick des Pfahles Aberdeen in Schottland liegt auf der Insel Lerwick, zwischen der Nordsee und dem Europäischen Nordmeer – etwa 200 km vom nördlichsten Zipfel des schottischen Festlandes entfernt. Um die Mitglieder der Nachbargemeinden zu besuchen, müssen die Mitglieder der Insel eine 12- bis 14-stündige Reise mit der Fähre antreten. Schiff ahoi!

Lerwick

Der Hafen von Lerwick auf den schottischen Shetland Inseln.

Zweig Almaty in Kasachstan

Die Versammlungen des Zweiges Almaty am nördlichen Ende des Tian-Shan-Gebirges an der Grenze zu Kirgisistan finden auf Russisch statt. Außer Almaty gibt es nur eine weitere kleine Gemeinde in Kasachstan: in der 1200 km nördlich liegenden Hauptstadt Astana (etwa 15 Stunden mit dem Auto). Wenn es die Mitglieder nach Osten zieht, dann werden sie nach 30 Stunden schwieriger Autofahrt durch das westliche Hochland Chinas eine Gemeinde in Khovd in der Mongolei finden, im Süden erst nach 1600 km in Neu Delhi und im Westen erstmal lange gar nichts: 43 Autostunden und 3500km später, trifft sich eine kleine Gemeinde in Astrachan, Russland. Wer sich schon einmal beschwert hat, dass er eine halbe Stunde fahren musste, um Heimlehren zu gehen, dem kann hier ganz mulmig zu Mute werden.

Almaty, Kasachstan

Die kasachische Stadt Almaty mit dem Tian Shan Gebirge im Hintergrund.

Zweig Xian im Herzen Chinas

Xian ist eine bedeutende Stadt der Historie. Jahrtausende lang war sie die Hauptstadt der chinesischen Herrscherdynastien. Sie markiert den Beginn der bedeutenden Seidenstraße. Heute versammelt sich in der 14-Millionen-Metropole eine kleine englische Gemeinde. Über 1000 km entfernt von den Städten an Chinas Küste gehört sie zu keinem Pfahl, keiner Mission und keinem Distrikt. Zurzeit gibt es in China vier Gemeinden, in welchen die Gottesdienste auf Chinesisch abgehalten werden.

Xian in China

In der Provinzhauptstadt Xian leben heute etwa 14 Millionen Menschen.

Gemeinde Kalkutta in Indien

Indien hat nur etwa 40 Gemeinden – bei 1,3 Milliarden Einwohnern. Zum Vergleich: 6% der indischen Bevölkerung würden reichen, um mit Deutschlands Einwohnerzahl gleichzuziehen – Deutschland hat 166 Gemeinden. Doch ganz besonders allein müssen sich die Heiligen der Letzten Tage in Kalkutta fühlen. Die Gemeinde in Westbengalen in Indien ist einsam auf weiter Flur. Die nächste Gemeinde ist entweder drei Länder weiter im 1300 km entfernten Thailand oder im genauso weit entfernten Andra Pradesh in Zentralindien zu finden.

Kalkutta Mormonengemeinden

Wenn wir in Europa von Kalkutta (seit 2001: Kolkata) hören, denken wir normalerweise zuerst an Mutter Teresa inmitten schreiender Armut, dass aber Kalkutta auch das geistige Zentrum Indiens ist, wissen in der Regel nur die ausgewiesensten Rabindranath Tagore Fans.

Zweig Dutch Harbor in Alaska

Wenn die Mitglieder des Zweiges Dutch Harbor auf der Insel Unalaska im Beringmeer zur Pfahlkonferenz nach Anchorage kommen wollen, dann erwartet sie eine 2000 km lange Reise mit der Fähre. Flüge gibt’s für knapp 1000 Euro. Zum Vergleich: Das ist ungefähr so weit wie von Bremerhaven nach Sankt Petersburg in Russland. Auch wenn sich das nach ereignisreichen Sommerferien anhört, bevorzugen die Mitglieder in Dutch Harbor anlässlich der halbjährlichen 2-tägigen Versammlung wahrscheinlich die Zuschaltung per Videokonferenz.

Mormonengemeinden in Alaska

Fischerboote im Hafen von Dutch Harbor auf den Aleuten – am Südrand des nordpazifischen Beringmeeres.

Zentralafrikanische Republik

In Bangui, der Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik, gibt es einen kleinen Zweig. Wenn man die nächste Gemeinde erreichen möchte, darf man sich auf eine 1300-km-Reise auf Schotterstraße durch den Regenwald nach Kamerun freuen. In der Regel könnte man die Strecke in 20 Stunden bewältigen, wenn man mal von regelmäßig spontanen Straßensperrungen, bewaffneten Überfällen oder wochenlangen LKW-Staus absieht.

Zentralafrikanische Republik

Im tiefsten Herzen Schwarzafrikas ist Idylle eine Seltenheit – die Zentralafrikanische Republik befindet sich seit vielen Jahren im Bürgerkrieg.

Der abgeschiedenste „Pfahl“ der Welt

Die vier kleinen Zweige des Ortes Tabwakea auf der Hauptinsel Kiribatis im Pazifik treffen sich alle im gleichen Gemeindehaus – die nächste Inselgruppe und damit auch die nächste Gemeinde ist 2300 km entfernt. Da viele der örtlichen Insulaner häufig noch mit einfachsten Booten unterwegs sind, entspräche diese Reise in etwa einer Kanutour von Hamburg nach Reykjavik auf Island. Dann lieber doch das 25 Jahre alte Propellerflugzeug. Die Routinestrecke Kiribati-Honolulu (Hawaii) ist damit sogar in unter 40 Stunden zu schaffen.

Kiribati

te mauri, te raoi ao te tabomoa ist der Wahlspruch von Kiribati (sprich: Kiribass) und bedeutet soviel wie „Gesundheit, Frieden und Wohlstand“. Die ganzjährigen Temperaturen zwischen 25 und 30 °C tragen sicher ihren Teil dazu bei.

Hanga Rua, Osterinsel – Isla-de-Pascua-Zweig

Doch es gibt einen Zweig, der alle anderen aussticht. Die Mitglieder von Hanga Rua auf der Isla de Pascua, vielen auch als Osterinsel oder Rapa Nui bekannt, befinden sich etwa 3600 km vom chilenischen Festland entfernt und nochmal genauso weit weg von Französisch Polynesien im Westen. Die Gemeinde gehört zur Santiago-de-Chile-Mission und kann in 7 Flugstunden erreicht werden, aber wer die Familie Adams auf der 2000 km entfernten Pitcairn-Insel auf seinem Heimlehrzettel stehen hat, der weiß schon mal, wie seine Urlaubsplanung aussieht.

siehe Titelbild

Zum Vergleich: Utah

Das Gemeindehaus der 31. Gemeinde in Layton in Utah steht genau 150 m entfernt vom Gemeindehaus der Gemeinde Flint Meadows. Natürlich gehören beide Gemeinden unterschiedlichen Pfählen an. Maximal 3 Minuten Fußweg für meine Oma.

Utah Mormonengemeinden

Utah – 62.2% der Bevölkerung des flächenmäßig dreizehntgrößten Bundesstaates der Vereinigten Staaten bezeichnen sich selbst als Heilige der Letzten Tage (Salt Lake Tribune, 2012).


Dieser Artikel wurde von Johannes Zimmermann verfasst und auf wirsindmormonen.de am 10. November 2016 veröffentlicht.

Wenn Sie mehr über die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen) lernen möchten, dann besuchen Sie einfach eine der offiziellen Webseiten der Kirche: mormon.org und lds.org.