Eines Abends ging ich mit einigen Kollegen meiner Frau, professionellen Religionswissenschaftlern, essen. Einer, ein nachdenklicher und angesehener Student des amerikanischen Katholizismus, fragte nach dem Geruch, den er bei einem Tempelbesuch an der offenen Tür wahrgenommen hatte. Er vermutete, es sei vielleicht Weihrauch, und fragte sich, ob Weihrauch ähnlich wie in der katholische Messe auch in  mormonischen Tempeln zur Verehrung benutzt wurde. Ich habe ihm nichts vorzuwerfen. Auch wenn es nicht meine religiöse Tradition ist, ich mag den Geruch einer katholischen Messe. Wir versicherten ihm, dass Mormonen in ihren heiligen Ritualen keinen Weihrauch verwenden, und das Gespräch führte schnell zu einer sehr konkreten Frage: Was ist der typische Duft des Mormonismus?

Eine jüngere Person am Tisch scherzte halb, dass der klassische Geruch des Mormonismus der Geruch der industriellen Handseife war, die einst in amerikanischen Versammlungsräumen gelagert wurde. Ich dachte, ich würde mich vielleicht an die Seife erinnern, aber die dunkle Erinnerung verschwand, bevor ich sie wirklich wahrnehmen konnte. Ich bin mir sicher, dass sich jemand beschweren wird, dass ich mir die Hände nicht oft genug gewaschen habe oder dass ich selten lange genug in der Kirche war, um zur Toilette zu müssen. Vielleicht spielten diese Gewohnheiten eine Rolle bei meiner Unkenntnis. Aber der Geruch dieser körnigen Seife gelangte nie in die olfaktorische Landschaft meines mormonischen Glaubens. Das ist nicht das, wonach dieser Glaube für mich riecht.

Die Antwort auf diese Frage lag mir sofort auf der Zunge. Zusätzlich zum dezenten Duft von Babys, die während der Abendmahlsversammlung vor sich hin brabbeln oder schreien, gibt es einen Geruch, der mir mehr als jeder andere in den Sinn kommt: Olivenöl, das in eine warme Kopfhaut einmassiert wird!

Dieser Duft erweckt für mich den mormonischen Glauben in meiner Seele zum Leben.

Olivenöl ist ein uralter Begleiter von uns Menschen. Viele Tausend Jahre verwendeten unsere Vorfahren diesen Balsam aus der Frucht des Olivenbaums. Zum Kochen, zum Glätten von rissiger Haut, als Zeichen von Wichtigkeit, sogar zum Salben ihrer Herrscher. Und in Jahrtausenden von Traditionen, die weit über die christliche Bibel hinausgehen, haben sie Olivenöl zur Heilung verwendet.

Mormonengeruch Oliven

Wir haben nur wenige Verse im Neuen Testament, die uns sagen, dass die christlichen Ältesten die Leidenden in ihrer Zeit der Not mit Öl gesalbt haben. Aus anderen Quellen wissen wir, dass das Öl im gesamten antiken Mittelmeerraum ein heiliges Gut war, das für viele Salbungen, sowohl weltliche als auch religiöse, verwendet wurde. Ihre Welt war eine ganz andere als unsere. Sie hatten keine Pumpflaschen mit Hautcreme, keine echten Medikamente, bestenfalls rudimentäre Operationen. Aber sie lebten auch in einer Welt voller Bedeutungen und Kräfte, die viele von uns verloren haben, wie unsere Kindheitswunder und unser Wissen darüber, wie sich Gras barfuß anfühlt.

Meine erste persönliche Erfahrung mit Olivenöl habe ich während der Grippesaison Ende der 70er-Jahre gemacht. Ich hatte noch nie zuvor oder seitdem Grippe, Gott sei Dank, aber ich erinnere mich noch an das Gefühl, als würde mein Körper zwischen einem heißen Schraubstock zerquetscht, als das Hongkong-Grippevirus meine Blutbahn angriff. Mein ganzer Körper schmerzte und mir war furchtbar heiß. Ich lag starr in der Mitte des Wohnzimmerbodens, mein Vater und ein Heimlehrpaar machten sich Sorgen um meinen Zustand.

Ich habe keine Ahnung, was ihnen durch den Kopf ging, aber ich nahm damals an, dass sie wussten, dass ich sterben würde. Vielleicht war ich schon tot. So sah ich die Situation, und wenn etwas so offensichtlich war, dass ein Kind es sehen konnte, dann wussten es sicher auch die Erwachsenen. Das Öl fühlte sich auf meiner fiebrigen Kopfhaut kühl an, sie sprachen ein Gebet, das ich nicht verstand, und ich schlief ein. Alles, was ich riechen konnte, war meine heiße und verschwitzte Haut. Ich überlebte, aber ich erinnere mich noch an die Situation, das kühle Öl und den Geruch von Fieber.

Mormonengeruch Olivenpresse

Ein Jahrzehnt später, nach einem holprigen Start, tauchte ich mit Begeisterung in meine Missionsarbeit im Süden Louisianas ein. Nach ein oder zwei Monaten landete ich mit einem erfahrenen Mitarbeiter in einer unbekannten Gegend, in einer der heißen Nächte Louisianas. Ich fand heraus, dass wir einen Termin hatten, um einer Frau zu dienen, die an Leberversagen starb. Ich erinnere mich an wenig von dieser Nacht, außer dass mein erfahrener Mitarbeiter wusste, wie der Tod roch. Er sagte es mir, mit der unbedarften Überheblichkeit eines zwanzigjährigen Jungen. Der bevorstehende Tod war bei weitem der stärkste Geruch in diesem Raum. Ich brauchte Monate, wenn nicht Jahre, um zu verstehen, dass es noch einen anderen, ernsthafteren und hoffnungsvolleren Duft gab: warmes Olivenöl auf sterblicher Haut.

Etwa 10 Jahre später begegnete ich diesem Öl als junger Vater wieder. Meine zweite Tochter, kaum vier, hatte Krupp, diese schreckliche Entzündung der oberen Luftröhre, die beim Atmen das Geräusch von angsterfüllten Fröschen macht. Sie war erschöpft, und ich auch.

Ich fragte sie, ob sie einen Segen möchte. Ich erklärte ihr, dass ich mit Olivenöl, den Früchten der Erde, die einst von den Hebräern zur Krönung der Könige verwendet wurden, ihren Kopf salben würde. Ich sagte ihr, dass ich dann ihren Segen „siegeln” würde. Sie und ihre Schwester fragten, was es bedeute, etwas zu siegeln, und ich erklärte, dass es eine besondere Art von Gebet war, eines, das anerkannte, wie sehr sie Jesus ähnelte. Sie lächelte, als sie erfuhr, dass Jesus einen Nachnamen („Christus”) hatte, der bedeutete, dass er gesalbt wurde, so wie sie. Ihr müdes Gesicht erhellte sich, als sie über meinen Vorschlag nachdachte. Sie stimmte mit einem Nicken zu.

Der Erlöser hat unsere Schmerzen auf sich genommen.

Ich tropfte Öl auf ihren Kopf, gerade so viel, dass sie seine kühle Präsenz auf der Kopfhaut spüren konnte. Als ich meine Hände auf ihren Kopf legte und den Öltropfen leicht berührte, streckte sie die rechte Hand aus und streichelte meinen Unterarm mit ihren kleinen Fingern. Der Geruch von Olivenöl, vermischt mit Haaren, setzte sich schließlich dauerhaft in meinem Gedächtnis fest, als Zeichen meiner Annäherung an die Gegenwart Gottes.

Ich wusste, dass es ihr besser gehen würde, dass der Verlauf von Virusinfektionen fast immer gutartig ist. Aber ich wollte, dass sie wusste, dass sie von Gott und ihrem Vater geliebt wurde und dass ich meinen Glauben an Gott mit ihr teilen wollte. Nach dem Segen schmiegte sie sich in meine Arme und legte ihren Arm auf meinen Bauch, als sie beruhigt einschlief.

Nachdem meine Frau mir vor einigen Jahren das Kochen beigebracht hat, lernte ich das Olivenöl in seinen vielen Sorten und Variationen kennen. Ich begann zu verstehen, wie die flüchtigen Rückstände aus dem Leben der Oliven dem Öl Komplexität und uns Gaumenfreude geben. Ich liebe Speiseöle und freue mich, wenn uns ein Freund eine Flasche von dem guten Zeug gibt, das noch immer von den Aromen der Erde strotzt, wo der Baum seine Wurzeln hat.

Aber es gibt für mich nichts was dem Duft von kühlem Öl auf einer warmen Kopfhaut ähnelt, dieser klaren Mischung aus Erde und Mensch und Göttlichem, die uns in das Leben Gottes ruft.

Krankensegen Olivenöl


Dieser Beitrag wurde aus dem Englischen übersetzt. Er wurde ursprünglich auf ldsmag.com unter dem Titel „The Scent of Mormonism” veröffentlicht. Der Autor ist Samuel Morris Brown. Übersetzt von Janine Windhausen.

Wenn Sie mehr über die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen) wissen möchten, dann besuchen Sie einfach eine der offiziellen Webseiten der Kirche: mormon.org und lds.org

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