Wie der Familienabend – die regelmäßige Zeit zum Beten und Spielen – ein Jahrhundert nach seiner Entstehung eine neue Bedeutung erlangt hat

Jeden Montagabend halten Mormonen auf der ganzen Welt als Familien inne. Gemeinsam beten, singen, spielen sie und genießen einen kleinen Imbiss. Das ist für viele amerikanische Haushalte Standard, mit dem Unterschied, dass es für Mormonen jeden Montagabend (oder manchmal einem anderen Abend) fest eingebaut ist und einen offiziellen, allgemein klingenden Namen hat: Familienabend.

Dieses wöchentliche Beisammensein ist weit mehr als ein Spieleabend für die ganze Familie. Vern Bengtson, ein Soziologe, der eine umfangreiche Studie über religiöse Praktiken zu Hause durchführte, die sich über fast vier Jahrzehnte erstreckte, nannte den Familienabend eines der „erfolgreichsten (religiösen) Programme zur Förderung intergenerationeller Beziehungen und der Pflege von Familien”. Das ist zumindest das Ideal. Unter einigen erfahrenen Praktizierenden wird der Familienabend „Familienkampf, der mit einem Gebet beginnt und endet” genannt. Der mormonische Humorist Robert Kirby hat ihn als „Familiengeschrei” („family home screaming”) bezeichnet.

Schriftenstudium mit der Familie Familienheimabend

Aber zurück zum Ideal. Im Jahre 1915 empfahlen die Führer der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, dass die Mitglieder der Kirche monatliche (und später wöchentliche) „Heimabende” veranstalten, um die familiären Beziehungen zu stärken – ein Ziel, das viele heutige Mormonen angesichts der dramatischen Veränderungen im Familienleben, die im Laufe der Jahrhunderte stattgefunden haben, für zukunftsweisend halten. Die Führer entwarfen ein Zeitfenster, das „dem Gebet, dem Singen von Liedern, dem Spielen von Instrumenten, dem Lesen in den heiligen Schriften, Familienthemen und der spezifischen Unterweisung über die Prinzipien des Evangeliums und die ethischen Probleme des Lebens sowie über die Aufgaben und Pflichten der Kinder gegenüber den Eltern, dem Zuhause, der Kirche, der Gesellschaft und der Nation gewidmet ist”. Wie ihre Vision vermuten lässt, war der Familienabend nie ausschließlich für religiöse Zwecke gedacht. Es wird gesungen und in den Schriften gelesen, aber es wird auch gespielt und über moralische Werte diskutiert.

Mehr als 100 Jahre nach der Geburtsstunde des Familienabends hat er eine neue Bedeutung in einer modernen, schnelllebigen Gesellschaft erlangt. (Die Rituale anderer Religionen spielen eine ähnliche Rolle, wenn es darum geht, festgelegte, besondere Familienzeiten zu reservieren – insbesondere der jüdische Sabbat ist ein starkes Beispiel dafür.) Als Familienforscher, die religiöse Rituale studieren, haben wir Dutzende von mormonischen Familien über ihre tägliche Praxis befragt, und sie haben regelmäßig die Schwierigkeiten der Aufrechterhaltung familiärer Nähe angesprochen, da Technologie und Medien das Tempo des Lebens beschleunigt haben.

Ebenso routinemäßig sprachen sie darüber, wie nützlich der Familienabend ist, um der Beschleunigung des Alltags entgegenzuwirken. Ein Elternteil, den wir interviewt haben, sagte, dass eines seiner Kinder das Ritual langweilig finde, und obwohl er sagt, dass sein Kind nicht immer falsch liegt, merkt er an: „Ab und zu klickt es einfach. …. Es ist ein echtes Gefühl der Einheit als Familie.” Eine junge Teenagerin, mit der wir sprachen, hatte ähnliche Gefühle. Sie sagt, dass der Familienabend „einen von allem weltlichen Zeug wegbringt” und „einem die Chance gibt, zu erkennen, dass man eine  Familie ist.” (Wie in der wissenschaftlichen Forschung üblich, wurde den Befragten Vertraulichkeit versprochen.)

Nicht alle Kinder sind sofort einverstanden. Ein anderer Elternteil beschrieb die Lustlosigkeit der Kinder gegenüber dem Familienabend, als sie jung waren. Aber sie sagte auch, dass sie sich als Erwachsene sehr gerne an die Zeit erinnern. „Wenn man sie macht, merkt man nicht, welche Auswirkungen viele Dinge einmal haben werden”, sagte sie uns. Es ist tatsächlich so, wie es uns eine andere Mutter sagte: „Ob es immer ein voller Erfolg ist oder nicht…. Ich denke, es ist wichtig, dass sie wissen, dass es jede Woche stattfinden wird.”

Wir müssen die Familie verteidigen!

Eine der besten Eigenschaften des Familienabends ist seine Eignung, jede Generation einer Familie einzubeziehen, wie einer von uns, David, bestätigen kann. Sein verstorbener Vater lebte 17 Jahre mit seiner Familie und nahm an mehr als 800 Familienabenden teil. Davids Vater sagte, was er am meisten genoss, waren die „Auftritte” seiner sieben Enkelkinder, in denen sie Musikinstrumente spielten, Gedichte vortrugen, Witze erzählten, Kampfsportbewegungen demonstrierten oder Nachtisch machten, um den Abend abzuschließen. Es war ein wertvoller Austausch zwischen den Generationen, der zu anderen Zeiten der Woche viel seltener war.

Es war auch einer, der nicht unbedingt auf Religion beruhte. (Davids Vater war Baptist, dann Episkopale und dann, als er bei David lebte, Atheist.) Die Hauptmerkmale des Familienabends sind auf Familien anderer Glaubensrichtungen oder Familien ohne Glauben übertragbar. Die meisten typischen Bestandteile (Gespräche, Spiele, Aktivitäten, Leckereien) sind nicht unbedingt religiös. Und selbst die Teile, die es sind (Gebet, religiöse Musik, Lesen von heiligen Texten), können für nicht-religiöse Familien angepasst werden, vielleicht mit einem Moment der Stille, einer Meditation oder dem Lesen eines Gedichts.

Natürlich kämpfen selbst die engagiertesten und familienorientiertesten Heiligen der Letzten Tage darum, sich jede Woche Zeit für eine solche Familienandacht zu nehmen. Herausforderungen für die konsequente Umsetzung des Familienabends sind u.a. der volle Terminkalender, die Apathie der Jugendlichen und der Sirenenruf sozialer Medien und anderer Unterhaltung. Andererseits kann die Stabilität, die die Ausübung mit sich bringt, genau das sein, was nötig ist, um diesen Hindernissen entgegenzuwirken. Eine Mutter, die wir interviewt haben, betonte, dass die Menschen, wenn das Leben „am verrücktesten” ist, die organisierende, beruhigende Vorhersehbarkeit von Familienritualen am meisten brauchen.

Letztlich scheint es bei einem Familienabend nicht um die spezifischen Rituale zu gehen, sondern darum, dass es überhaupt Rituale gibt, dass eine Familie beschließt, sich eine bestimmte Zeit der Woche zu nehmen, um gemeinsam wertvolle Zeit zu verbringen. Gibt es Perfektion bei solchen Familienritualen? Niemals. Gibt es Anstrengung, Ärger, Reibung und Chaos? Fast immer. Aber gibt es manchmal einen Funken überirdischer Magie? In der Realität ist es selten der Fall. Aber der nächste Familienabend könnte einer dieser Abende sein…


Dieser Beitrag wurde aus dem Englischen übersetzt. Er wurde ursprünglich auf www.theatlantic.com unter dem Titel „Mormons’ Weekly Family Ritual Is an Antidote to Fast-Paced Living” veröffentlicht. Die Autoren sind David C. Dollahite und Loren Marks. Übersetzt von Janine Windhausen.

Wenn Sie mehr über die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen) wissen möchten, dann besuchen Sie einfach eine der offiziellen Webseiten der Kirche: mormon.org und lds.org.

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